24 | 09 | 2017

Notbergungen können sich derweil lohnen...


Ende Januar 1999 wurden beim Bau einer Lärmschutzmauer unmittelbar östlich der BAB 5 Frankfurt/Main–Kassel in der Feldgemarkung von Ober-Erlenbach (Stadt Bad Homburg v.d.H.) durch Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft für Vor- und Frühgeschichte des Geschichts- und Heimatvereins Oberursel vier unterschiedlich große Gruben entdeckt, die mit vorgeschichtlichen Keramikscherben verfüllt waren.


Nach dem Putzen der Fläche zeigte sie eine 4,60 m lange und 4,10 m breite, mittel- bis dunkelgraue Grubenverfärbung, die zunächst den Eindruck erweckte,
es würde sich um eine einzelne große Siedlungsgrube handeln.

Nach Absprachen mit dem Hess. LfD Wiesbaden und der Baufirma, konnte zumindest die größere Verfärbung am 06. und 07.02.1999 mit Unterstützung der Archäologie-AG Usingen sowie zwei Archäologen unter widrigen Witterungsverhältnissen zur Hälfte ausgegraben und dokumentiert werden.


Ein in Ost-West-Richtung angelegter Profilschnitt durch die Grube ergab zwei sich schneidende Gruben, anstatt eine einzige große Grube. Die östlich gelegene hatte eine Resttiefe von ca. 60 cm und ca. 210 cm Länge, die westliche eine Länge von ca. 250 cm und eine Resttiefe von bis zu 80 cm.

Neben zahlreichen, überwiegend unverzierten Keramikscherben der linearbandkeramischen Kultur (wohl Flomborn, ca. 5.300 v. Chr., Phase 2, nach Meier-Arendt) wurden auch einige wenige Scherben der Rössener Kultur (ca. 4.400 v. Chr.) geborgen. Weiterhin Silices, gebrannter/verziegelter Lehm und wenige kleine Knochensplitter.

Höhepunkt war die Bergung einer kleinen vollplastischen, unverzierten linearbandkeramischen Tonfigur, wohl die Darstellung eines Schweinchens, das sich nahtlos in die "bandkeramische Schweinchenreihe Hessens" einreiht. Aufgrund einer vermutlich frühen Flomborner Zeitstellung, könnte es sich um die "Älteste Sau" Hessens handeln...



Die kleine unförmige, jedoch einem Schweinchen ähnelnde geborgene Tonfigur

(Zeichnung: Dr. Sabine Schade-Lindig, LfD Wi.)

 

Zum Vergleich: Tonfigur und deren Fragmente aus
Butzbach-Niederweisel (oben) u. Butzbach (unten)

Quelle: Christop Schlott, 2000 Jahre Taunus. 1991, S. 34
vgl. auch: Fritz-Rudolf Herrmann, Albrecht Jöckenhövel,
Die Vorgeschichte Hessens. 1990, S. 133 ff.


Bei dem entdeckten und überbauten Bodendenkmal handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine größere Siedlungsstelle der bandkeramischen und wohl auch der Rössener Kultur. Im näheren Umfeld konnten bereits Lesefunde getätigt werden, die darauf hindeuten.

Im Sommer 2001 wurden durch das Seminar für Vor- und Frühgeschichte westlich der BAB 5 im Zuge des Ausbaus der Ortsumgehung Bad Homburg - Ober-Eschbach Ausgrabungen durchgeführt, die u.a. Reste einer bandkeramischen Siedlung ans Tageslicht brachten. Vermutlich gehören beide Fundstellen zu einer größeren Siedlung, die heute durch die Autobahn zerschnitten wird und deren ursprüngliche Ausdehnung nach wie vor unbekannt ist.


© Text Eckhard Laufer



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