Die Befunde

S i e d l u n g s g r u b e n

Auf allen vor- und frühgeschichtlichen Siedlungsplätzen wurden Gruben in unterschiedlicher Form und Größe ausgehoben, um sie anschließend unterschiedlich zu nutzen. Das gewonnene Lehmmaterial aus den Gruben fand  z. B. für den Hausbau in großer Menge Verwendung, in dem man damit deren Flechtwerkwände verputzte. Den Nachweis für diese Bauten erbringen wiederum die in einer bestimmten Anordnung vorgefundenen Pfostenlöcher, die auf eine entsprechende Holzarchitektur hindeuten. Es sind zumeist die einzigen archäologischen Spuren im Boden (unbewegliche Bodendenkmäler), die uns beweisen: dort stand mal ein Haus, ein Zaun, ein Speicher usw.

Modell eines idealtypischen bandkeramischen Hofplatzes nach U. Boelicke u. J. Lüning. Die Gruben verteilen sich in regelhafter Anordnung um die Häuser herum, die bei zeitgleicher Existenz durch eine größere Fläche voneinander getrennt waren. Flächen, die wohl für Gärten und Wirtschaftsflächen benötigt wurden (Quelle: M. Kuckenburg, Vom Steinzeitlager zur Keltenstadt.Theiss 2000; J. Lüning; aus J. Lüning in Jahrbuch des Röm. Germ. Zentralmuseums Mainz 35, 1988, S. 69, Abb. 37).

Die Siedlungsgruben wurden entweder sofort oder nach Aufgabe ihrer Funktion als Wirtschaftsgruben (Vorrats- und Speichergruben) schnell oder über einen längeren Zeitraum wieder mit unterschiedlichen organischen (Holz, Knochen, Textil, Speiseabfälle, verkohlte Pflanzenreste usw.) und anorganischen Abfällen (überwiegend Keramik) verfüllt, von denen sich die organischen zumeist nicht oder kaum erhalten haben (bewegliche Bodendenkmäler).

Der Aufbau der Gruben als auch deren Inhalt (prähistorischer Müll) liefern uns heute wichtige Informationen sowohl zu einzelnen Bauten, als auch über das gesamte Kulturdenkmal und deren einstigen Bewohner, wobei die Gräben im vorliegenden Fall eine Besonderheit darstellen.

Nach Tausenden von Jahren sind die Gruben/Gräben/Pfostenlöcher im helleren Lößlehm je nach Verfüllung als mehr oder weniger dunkle Verfärbungen erkennbar:

 

Befund (Stelle) 14, Pfostenloch:

Einer von etwa zwölf Pfostenlöchern der Ausgrabung. Hier ein Doppelpfosten eines Zauns, welcher am Nordwestende des erfassten Hausgrundrisses in Schnitt 2 angrenzte und von dort in südwestliche Richtung verlief.
Die meisten Pfosten enthielten keinerlei Funde.

Im Profil ist das Pfostenloch anhand der grauen Verfüllung (schwarzer Pfeil) und dessen Nachzeichnung durch spätere Bodenbildungsprozesse (weißer Pfeil, orange-braunes Band) schwach erkennbar.

(Foto: G. Wilhelm)


Befund (Stelle) 16, sonst. Grube:

Eine im Planum sich zunächst unscheinbar rundlich bis oval darstellende Grube (Durchm.: ca. 80 cm), die im Profil eine schräge Form aufweist und dessen Flanken offenbar stellenweise verstürzt sind. Die Grube hatte eine Resttiefe von 160 cm. Vermutlich wurde sie ursprünglich als Vorrats- oder Speichergrube genutzt.

Der nach Schichten trennbare Grubeninhalt bestand aus zahlreichen spätbandkeramisch verzierten Gefäßscherben, wenigen Steingeräten und Knochenfunden sowie unbearbeiteten größeren und kleineren Steinen.

(Fotos: E. Laufer)

Nachfolgend die Zeichnung des Profils der Grube 16 als ein Beispiel aus der Stellenkartendokumentation.

(Zeichn.: A. Schubart)

 

Befund (Stelle) 24, 25 u. 37 sonst. Gruben:

Drei dicht beieinander liegende, stark erodierte Gruben, wobei Befund 37 Befund 24 überlagerte. In ihnen fanden sich wiederum zahlreiche spätbandkeramische Keramikscherben und wenige Steingeräte in Form von kleineren Feuersteinklingen.

Die Gruben nach Abtrag der ersten Schichten im Planum. Am oberen Bildrand erkennt man kleinere verfüllte Löcher, hierbei handelt es sich um Doppelpfostensetzungen eines Zaunes.

Eine Ansammlung von Scherben eines größeren spätbandkeramischen Gefäßes (schwarze Pfeile), das mit zahlreichen Henkeln bestückt war, und gebrannter/verziegelter Lehm (weißer Pfeil) liegen auf der Sohle der Grube 37.


Befund (Stelle) 27, sonst. Grube:

In dieser langovalen Grube mit geringer Resttiefe fanden sich nur wenige anorganische Funde, darunter eine Pfeilspitze, dafür vermehrt verkohlte Pflanzenreste.

 

Befund (Stelle) 1, sonst. Grube:

Das Ende einer Grube...

Es soll verdeutlichen, dass auch eine Ausgrabung eine unwiederbringliche Zerstörung des Bodendenkmals zur Folge hat, allerdings eine systematische und für unsere Nachwelt dokumentierte.

 

D e r  G r a b e n


Zur Funktion eines Grabenwerks möchte ich an dieser Stelle ergänzend zur Einleitung aus M. Kuckenburgs "Vom Steinzeitlager zur Keltenstadt" zitieren. Dort heißt es auf Seite 82:

Welche Funktion oder Bedeutung sie statt dessen hatten, darüber wird in der Forschung bis heute kontrovers diskutiert - die Bandbreite der vorgeschlagenen Möglichkeiten reicht von (in Friedenszeiten unbewohnten) "Fluchtburgen" über befestigte Viehpferche bis zu religiösen oder profanen Versammlungsplätzen. Wozu auch immer sie aber gedient haben mögen - es waren in jedem Fall die ersten vom Menschen geschaffenen "Großbauten" Mitteleuropas, Monumente, wie sie zuvor nicht bekannt waren...

Auf jeden Fall entstanden diese "Großbauten" sehr wahrscheinlich in einer Gemeinschaftsleistung, wie es anhand des folgenden, durchaus imposanten Grabenteilstücks deutlich werden dürfte:


Befund (Stelle) 38, Grabenteilstück:

Nach dem Abtrag des Pflughorizontes wird die dunkle Verfüllung des Grabens in Schnitt 2 und 3 deutlich erkennbar.

Während der Graben hier in Schnitt 3 nach Süden einbiegt (im Bild nach rechts oben)...


... verläuft er in Schnitt 2 noch von West nach Ost (im Bild von unten nach oben).


Das Grabenteilstück in Schnitt 2 wurde mit einem schachbrettartig angelegten Kastensystem (A bis J) ausgegraben, so dass ein vollständiges Längsprofil von West nach Ost und vier Nord-Süd verlaufende Querprofile des Grabens dokumentiert werden konnten.

(Foto: G. Wilhelm)

Ausgegraben wurden die Kästen B, C, F, G und J. Blick von West nach Ost. Die gestrichelten Linien in Kasten B und C zeigen die schräg abfallenden Flanken des Grabens.

Der Graben erwies sich als ein Spitzgraben mit einer noch vorhandenen Breite von ca. 2,80 m, einer Tiefe von 1,95 m und einer etwa 0,125 m breiten Spitze. Er hatte eine durch Erosion und anthropogene Einflüsse lebhafte Verfüllung, die sich in 15 bis 20 verschiedene Schichten aufteilen ließ. Es wechselten sich dunkle schmale Bänder mit hellen, meist mächtigen Sedimentlagen ab. Manche Schichten erstreckten sich horizontal über mehrere Meter, andere bildeten nur kleinräumige Linsen. In den schwarzen Bändern sorgte meist ein hoher Holzkohleanteil (Eiche) für die Verfärbung, es gab aber auch regelrechte Brandschichten mit großer Menge verziegelten Lehms, der stellenweise in größeren, kompakten Brocken auftrat.


Profile des Grabens in Kasten C. Die weiß gepunktete Linie zeigt die durch Erosion ausgespülte, schräg abfallende nördliche Grabenflanke. Die weiß gestrichelte Linie zeigt die Löß-Verwitterungsgrenze, die mit dem Befund (Graben) in die Tiefe abtaucht und sich kurz über der Spitze des Grabens mit diesem "verbindet".

Nach dem Verlauf der bodenkundlich definierten Löß-Verwitterungsgrenze, deren Abtauchpunkt in die Tiefe unter der ehemaligen Grabenkannte gelegen haben sollte, dürfte der Graben ehemals nicht schmaler als 4,65 m gewesen sein. Die ursprüngliche Mindesttiefe dürfte nach Adieren des Erosionsverlustes in dieser Reliefposition von mindestens 60 cm und Planumtiefe von 40 cm unter der ursprünglichen Oberfläche bei gut 3 m gelegen haben.

Wenn man bedenkt, wie viel Erde bereits für dieses 10,50 m lange Teilstück in Schnitt 2 durch die Bandkeramiker bewegt werden musste, kann man sich in etwa die beachtliche Arbeitsleistung vorstellen, die allein für diese Phase des Grabenwerks für einen insgesamt ca. 330 m langen, durch zwei bis drei Tore unterbrochenen Graben erbracht wurde.

Ostprofil Kasten C; weißer Pfeil = Grabengrenze, grauer Pfeil = Löß-Verwitterungsgrenze. Während rechts vom Zollstock der Graben erkennbar wird, ist er links nicht mehr vorhanden (Planumsoberkannte), dennoch zeichnet er sich in der Tiefe durch ein Abtauchen der Lößverwitterungsgrenze noch nach. Gelber Pfeil = größerer Stein in der Grabenverfüllung.


Westprofil Kasten C; weißer Pfeil = Grabengrenze, grauer Pfeil = Lößverwitterungsgrenze. Gelber langer Pfeil = größerer Stein in der Grabenverfüllung. Kurze gelbe Pfeile = verziegelter Lehm.


Nahaufnahme Westprofil Kasten C; senkrechter weißer Pfeil = 12,5 cm breite, abgerundete Grabenspitze (= bandkeramische Schaufelbreite?) und schräg ansteigende Grabenflanke (weißer Pfeil rechts oben) sowie die bekannte Lößverwitterungsgrenze (grauer Pfeil), die links vom Zollstock kaum erkennbar in den Graben übergeht. Gelber Pfeil = größerer Stein (vgl. Abb. vorher).

Für Aufregung und einen vorübergehenden Schreck sorgte ein Steinbeilfund im Ostprofil des Kasten: ein spitznackiges Steinbeil (siehe nachfolgend Fundmaterial), das so ganz und gar nicht in die linearbandkeramische Zeit passte. ... War das ganze Grabenwerk nun ein bandkeramischer Flop? Gehörte eigentlich ins Jungneoltihikum, ggf. in die Michelsberger Kultur (um 4.000 v. Chr.)?

Nun, die Archäologie ist ja immer wieder für Überraschungen gut, aber: das Steinbeil stammte bei genauer Betrachtung aus einer separaten Grube, welche interessanter Weise genau in den Graben eingriff:

Kasten B, Westprofil mit der in die Grabenverfüllung eingreifenden und somit zeitlich jüngeren Grube (gestrichelte weiße Linie), in der sich das jungneolithische spitznackige Steinbeil befand (gelber Pfeil).

Das spitznackige Steinbeil in originaler Fundlage (gelber Pfeil). Mehr oder minder deutlich sind die Unterbrechungen der Schichten der Grabenverfüllung durch die sich nur schwach abzeichnende jüngere Grube erkennbar (weiße Pfeile).

Zwischenzeitlich vorhandene, kalibrierte C-14-Daten aus Kasten C belegen eine zweifelsfreie Datierung der Grabenverfüllung bereits in das 50 Jh. v. Chr., also eindeutig bandkeramisch (vgl. Tabelle 1, 14C-AMS-Daten bei Jungsteinzeit.de).

 

Das Fundmaterial


 

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