Das Fundmaterial

S t e i n g e r ä t e

Das Silexinventar umfasst 33 Stücke aus überwiegend ortsfremdem Rohmaterial (westische Feuersteine, Rijckholt-Feuerstein, sog. Baltischer Feuerstein), darunter eine Pfeilspitze. Während Mahl- und Schleifsteine mit 26 Fragmenten vertreten sind, fand sich nur ein einziger Klopfstein aus lokalem Material.

Neben dem oben genannten jung- bis spätneolithischen Steinbeil aus dem Graben wurden bereits in den Jahren zuvor typisch bandkeramische Dechsel als Oberflächenfunde innerhalb des Erdwerks aufgelesen.


K e r a m i k

Unter einigen hundert Keramikscherben befinden sich etwa 200 verzierte Stücke, die einen in sich geschlossenen, nicht von den Inventaren der anderen zeitgenössischen Plätze des Usinger Beckens unterscheidbaren Komplex bilden. Die überwiegend gestochene, oft in Tremolierstichtechnik oder als feine Schraffuren ausgeführte Ornamentik - ein ortstypisches Gemisch aus Leihgesterner Kammstrich und Plaidter Kammstich - verweist auf die Endphase der Bandkeramik (Stilgruppe 9 nach Kneipp 1998 bzw. Phase V nach Meier-Arendt 1966).

 


Abb. aus: E. Laufer, Eine frühneolithische Befestigungsanlage zwischen Usa und Eschbach. Jahrbuch HTK 11, 2003


F e l d b r a n d

Ein Teil der Keramikfunde befindet sich seit 2004 in der Ausstellung zur Vor- und Frühgeschichte des Usinger Landes im historischen Rathaus in Usingen. Vollständige Gefäße kamen während der Grabung nicht zutage. Um jedoch einen Eindruck davon zu bekommen, wie die zerbrochenen, reich verzierten Gefäße einst aussahen, entschloss sich der Geschichtsverein Usingen e.V. Repliken durch die Keramik-Werkstatt Elisabeth Reuter anfertigen zu lassen. Finanziert wurde die Herstellung durch Spendengelder der zahlreichen Besucherinnen und Besucher der Ausstellung.

Der Ankauf originaler Gefäße kam und kommt für den Geschichtsverein Usingen e.V. nicht in Frage. Zum einen haben sie keinerlei Beziehungen zu den Grabungsfunden. Im Gegensatz zu den Repliken, welche die Verzierungselemente der Originale tragen und damit ein Spiegelbild des Lebens und der Leistungen unserer Vorfahren im heutigen Usinger Land sind. Zum anderen besitzen angebotene Originalgefäße regelmäßig keine staatlichen Dokumente, welche die Einhaltung der Gesetze zum Schutz des archäologischen Erbes und damit eine legale Herkunft zweifelsfrei belegen.

Um möglichst authentische Ergebnisse zu erzielen, wurden unter Anleitung von Frau Elisabeth Reuter die von ihr vorgefertigten Gefäße im Herbst 2014 in einem offenen Feldbrand fertiggestellt. Diese Methode war vor der Nutzung eines Töpferofens gängige Praxis in der Vor- und Frühgeschichte.

Nach dem Aushub wurden die zu brennenden Gefäße (darunter auch die für das Museum Usingen) in einer flachen Feuergrube aufeinandergeschichtet. Zunächst sorgte ein Feuerkranz um die Gefäße herum für deren schrittweise Erwärmung.

Nach und nach wurde das Feuer intensiviert, bis es die Gefäße schließlich komplett umschloss.

Am Ende eines mehrstündigen Brennvorgangs (bis zu ca. 600 Grad Celsius) wurde das offene Feuer mittels Erdauftrag erstickt, die Gefäße wurden mit der verbliebenen Glut nahezu luftdicht "verpackt". Hierdurch konnte bis zum darauffolgenden Tag eine Nachreduktion stattfinden. Zugleich kühlten die Gefäße langsam und gleichmäßig ab.

Am nächsten Tag erfolgte der vorsichtig Abtrag der Erde, die noch heißen Gefäße wurden behutsam freigelegt, wodurch sie weiter abkühlten. Schließlich konnten sie der Brandgrube entnommen werden. Abstauben, fertig...!

Fotos Feldbrand: GeVe. Usingen e.V.

Freundliche Unterstützung durch: Mitglieder des GeVe. Usingen e.V., Schützenverein 1422 e.V. Usingen, Stadt Usingen.

 

P f l a n z e n r e s t e  und ihre archäobotanischen Untersuchungsergebnisse:

"Pflanzen sind für Lebewesen als Nahrungs- und Rohstoffquelle und indirekt für Klima- und Bodenentwicklung von höchster Bedeutung. Wäre unser Lebensraum der Pflanzendecke beraubt, hätten wir eine lebensfeindliche Wüste vor uns. Damit ist sogleich die Notwendigkeit offenkundig, nicht nur die überlieferte Sachkultur, z.B. Keramik, Werkzeuge, Hausgrundrisse usw., sondern auch die Pflanzenfunde von archäologischen Ausgrabungen zu untersuchen. Ohne eine Rekonstruktion der pflanzlichen Umwelt und ihrer Nutzung würde uns gewissermaßen die Kulisse fehlen, vor der sich die vor- und frühgeschichtliche Entwicklung der Menschheit und der Tierwelt abspielte. Mit diesem wichtigen Bestandteil der historischen Forschung befaßt sich das Fachgebiet der Archäobotanik. Es handelt sich dabei um die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Botanikern und Archäologen unter Beteiligung anderer geistes- und naturwissenschaftlicher Fächer, etwa der Klimaforschung, der Anthropologie, der Ethnologie und der Geographie." (aus: Vergangenheit unter dem Mikroskop, Archäobotanische Großrestuntersuchungen in Hessen. in: Einblicke, Kommission für Archäologische Landesforschung  in Hessen e.V. 1990-2000. Institut der KAL, Wiesbaden 2000, S.: 28).


Während der Ausgrabung wurden im Graben und in zwei weiteren Siedlungsgruben in erfreulicher Menge verkohlte botanische Reste erkannt und in Absprache mit Frau Prof. Dr. Angela Kreuz (KAL) zahlreich geborgen. Über 100 10-Liter-Eimer wurden im LfD Wiesbaden durch die dortige Archäobotanische Abteilung zunächst durch Siebe geschlämmt und anschließend optisch ausgewertet.

Vor Abgabe der ersten ausgewählten verkohlten Pflanzenreste zur C-14-Datierung, wurden diese vor ihrem "Verheizen" im Vorfeld archäobotanisch untersucht. Bei den geborgenen Holzkohlestückchen handelte es sich ausschließlich um Eiche (Quercus spec.), bei den anderen Pflanzenresten um vermutlich ein Einkorn (Triticum monoccoccum), um Erbsen (Pisum sativum) und um eine Linsenwicke (Vicia ervilia).

Die folgenden zwei Abbildungen zeigen Fundbeispiele verkohlter Getreidekörner und Samen aus anderen archäologischen Grabungen (Quelle: St. Jacomet, A. Kreuz, Archäobotanik. Stuttgart 1999, S.: 268 u. 277):

 

l.v.o.n.u.: Wild-Einkorn; r.v.o.n.u.: Kultur-Einkorn (Maßstab von 0 bis 5 mm)

Samen von Hülsenfrüchten, v.o.n.u.: a) Erbse, b) Linse, c) Acker-Bohne, d) Linsen-Wicke, e) Linsen-Wicke mit Insektenfraßspur, f) Saat-Platterbse und g) Kichererbse.

Die Linsenwicke sorgte für eine freudige Überraschung, da diese "... schon früh im Nahen Osten angebaut..." wurde, aber sie "gelangten ... höchstens in kleineren Mengen und überwiegend sehr spät nach Mitteleuropa." (aus: St. Jacomet, A. Kreuz, Archäobotanik. Stuttgart 1999, S.: 279). Neben einem weiteren Fund in Baden Württemberg handelt es sich erst um den zweiten Nachweis dieser Hülsenfruchtart aus der Linearbandkeramik in Deutschland.

Wieder einmal zeigt sich im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit, wie außerordentlich wichtig es ist, während einer Grabung auch auf die kleinsten, noch so unscheinbaren Dinge zu achten, die für einen Forschungszweig wie die Archäobotanik plötzlich von großer Bedeutung werden können. Natürlich sind wir als Ehrenamtliche froh ein vor Ort unscheinbares und völlig verdrecktes kleines, dafür aber sehr wichtiges Indiz namens Linsenwicke für die Wissenschaft geborgen zu haben!


Foto: E. Laufer

Verkohltes Getreide (Pfeile) und andere verkohlte Pflanzenreste aus Kasten C des Grabens.

 

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