16 | 12 | 2019

Der Verlauf der Grabung

Bevor eine Ausgrabung beginnen kann, müssen zunächst einige rechtliche und andere organisatorische Dinge erledigt werden.

Zu den rechtlichen zählen die Beantragung der erforderlichen Nachforschungsgenehmigung beim LfD Wiesbaden, die Einholung der Erlaubnis der Eigentümer und des Pächters bzgl. des Bodeneingriffs sowie deren Entschädigung, Regelung des Fundverbleibs und Klärung/Einhaltung landschaftsschutzrechtlicher Bestimmungen.

Zu den anderen Dingen zählen das Aussuchen und Beauftragen einer/mehrerer Baufirmen mit den Erdarbeiten, von Bau- und Bürocontainer sowie das Zusammenstellen des erforderlichen Grabungsgeräts/-materials.

Nachdem die organisatorischen Dinge erledigt waren, wurden kurz vor der Ausgrabung neben den in der Einleitung erwähnten bodenkundlichen Sondagen Vermessungen durchgeführt, um in einem am Gaus-Krüger-Koordinatensystem ausgerichteten 10 x 10 m-Raster die drei Schnitte im nordöstlichen Teil des Grabenwerks einzurahmen.

Hierdurch erhielt bei der Grabung jeder Messwert die exakten Landeskoordinaten und Höhenangaben über NN.

 

(Fotos: E. Laufer)

In den ersten drei Tagen (11.09. bis 13.09.00) wurde innerhalb der festgelegten Schnitte der ca. 25-30 cm mächtige Pflughorizont mittels Bagger behutsam abgetragen, um die geophysikalisch lokalisierten Befunde aufzudecken.

Die in der Pflugschicht vorhandenen Funde wurden nicht geborgen, da hierfür die Schlämmung des gesamten Erdreichs erforderlich gewesen wäre. Eine Arbeit, die aufgrund der Erdmenge nicht zu leisten war und auch keine zusätzlichen Erkenntnisse erwarten ließ. Nichts desto trotz verlieren die Funde auf dem Abraum nicht ihren denkmalrechtlichen und eigentumsrechltichen Status, sind also kein "Freiwild" für Interessierte, auch wenn dies oft den Eindruck erwecken mag...

Neben den zahlreichen spätbandkeramischen Oberflächenfunden wurden bei den Feldbegehungen vor der Grabung auch einige mittelalterliche und neuzeitliche Keramikscherben aufgelesen, die jedoch keine Wüstung widerspiegeln, sondern per Düngung auf den Acker gelangten. Sie informieren uns darüber, dass die Fläche mindestens schon seit dem Mittelalter agrarwirtschaftlich genutzt wird.

Während der Freilegung der drei Schnitte wurden über 70 archäologische Befunde erkannt: zahlreiche Gruben und einige Pfostenspuren sowie drei Grabenteilstücke. Hinsichtlich ihrer Lage stimmten sie sehr gut mit den Ergebnissen der geophysikalischen Prospektion überein. Ein Grabenteilstück wurde in Schnitt 2 teilweise ausgegraben.

Die Befunde wurden zunächst fotografiert und anschließend vermessen. Danach wurden sie mit einem jeweils individuellen Schnittschemata versehen und die festgelegten Kästen in zeitraubenden 10-cm-Straten ausgegraben.


Die jeweiligen Plana und Profile in den Befunden wurden fotografiert und zumeist im Maßstab 1:10, seltener 1:20 gezeichnet.


Wurden in den Profilen Schichten erkannt, wurden die übrigen Kästen des Befundes nach diesen Schichten ausgegraben, das geborgenen Fundmaterial entsprechend verpackt. Jeder Arbeitsschritt, jede Auffälligkeit wurde auf einer zugehörigen Stellenkarte tagebuchartig schriftlich dokumentiert. In Zusammenarbeit mit einem Bodenkundler erfolgte zudem eine bodenkundliche Beurteilung der Schnitte und ausgewählter Befunde.

Jeweils zum Feierabend wurden die Befunde in den Schnitten zugedeckt, um sie vor übermäßiger Nässe aber auch vor dem zu starken Austrocknen am Tage zu bewahren.

Um den Überblick über das Fundmaterial nicht zu verlieren, wurden bereits parallel zur Grabung die geborgenen Funde gewaschen.


Neben der zahlreichen Keramik wurden auch einige Steingeräte und unbearbeitete, zerbrochene bzw. unzerbrochene Steine geborgen. Geborgen wurde aus den Befunden zunächst einmal alles. Und sei es auch nur ein unbedeutender Stein. Unbedeutend? Wer weiß... Auffällig war jedenfalls die Steinarmut im anstehenden Boden im Gegensatz zu der in den "prähistorischen Mülltonnen" vorhandenen Steinvielfalt!

Gefunden wurden auch zahlreiche verkohlte Pflanzenreste. Aufgrund dessen wurden aus jedem Befund mindestens 10-Liter Bodenproben für die archäobotanische Untersuchung bei der KAL beim Landesamt für archäologische Denkmalpflege Wiesbaden entnommen.

Insgesamt stand die Ausgrabung "unter einem feuchten Stern" (teilweise wolkenbruchartige Regenfälle), was zur Folge hatte, dass in Schnitt 3 der Tiefschnitt dreimal ausgepumpt werden musste. Hier half uns jedes Mal freundlicherweise und unbürokratisch die Freiwillige Feuerwehr Usingen mit entsprechendem Gerät aus der Misere. Insgesamt wurden in den drei Einsätzen über 20.000 Liter Wasser abgepumpt.

Wegen der schlechten Witterung wurde über dem auszugrabenden Teilstück des Grabens in Schnitt 2 ein von der Universität geliehenes Tunnelzelt aufgebaut, welches uns einerseits sehr gute Dienste leistete, andererseits wegen seiner Windanfälligkeit auch immer wieder "Kopfschmerzen" und zusätzliche unerwünschte Arbeit bereitete.


Die Planen mussten trotz Zaunspanner unter dem "polnischen Grabungsbegriff Spannsky" öfters neu gespannt werden... Da sich das Zelt einmal während einer sehr stürmischen Phase (Windstärke 9 bis 10) "selbst zerlegte" blieb es uns wiederum erspart, es in Einzelteilen wieder zusammen zu sammeln... Es hat also alles seine Vor- und Nachteile! Jedoch..., als "Pausen- und Partyzelt" war es schon phantastisch!

Für lebhafte Abwechslung sorgte während der Grabung der Besuch zweier Schulklassen aus Bad Homburger v.d.H. Die Jungen und Mädchen wurden hier im Rahmen des Unterrichts zur vor- und Frühgeschichte in die Praxis der archäologischen Spurensuche eingeführt. Ihnen wurde dabei die Feld- und Flurbegehung als eine grundlegende archäologische Prospektionsmethode und die anschließende Ausgrabung als mögliche Folge vorgestellt.


Klar, dass Begriffe wie "Indianer Jones" und "Schatzsuche" fielen... Leichte Enttäuschung breitete sich daher aus, als erklärt werden musste, dass das Abenteuer Archäologie weniger spektakulär ist als allzu oft suggeriert wird und mit einer Schatzsuche rein gar nichts zu tun hat. Das "Sammlerfieber" war dennoch deutlich spürbar und bereitete allen Spaß, wohl ein Urinstinkt des Menschen... Dieser muss aber koordiniert und denkmalgerecht betreut werden, dann nutzt es sowohl der archäologischen Bodendenkmalpflege als auch der Allgemeinheit. - Weniger Spaß dürften dann die Busfahrer bei der Rückfahrt der reichlich eingesauten jungen Besucher gehabt haben...


Mit Zuschieben der geöffneten Schnitte am 17.11.2000 wurde die Ausgrabung beendet. Und nun? War es das? Ende gut, Alles gut? Wohl kaum! Die Grabungsergebnisse und die weiteren Auswertungsarbeiten lassen einen ersten tieferen Einblick in das Grabenwerk zu. Sein ganzes Geheimnis wird es allerdings erst bei einer vollständigen Ausgrabung preisgeben.

Ob es dazu kommen wird? Wer weiß...

 

Die Befunde

 

 

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