24 | 09 | 2017

Germanen im Usinger Land

1996 wurde bei einer Feldbegehung nahe bei Usingen die Randscherbe eines Gefäßes aufgelesen, die so gar nicht in das bisherige Fundmaterial des Usinger Landes passte. Vielleicht germanischen Ursprungs? Hätte sein können, doch damals fehlten noch weitere zugehörige Funde, die den Verdacht bestätigten.


Solche konnten dann im Winter 1999/2000 aufgelesen werden, die sich dem rhein-weser-germansichen Formenkreis des 1./2. Jh. n. Chr. zuordnen ließen. Germanen im Vorfeld der nicht weit entfernten und zeitgleich existierenden römischen Kastelle "Saalburg" und "Kapersburg"? Das war schon eine kleine archäologische Sensation!

Unter den Lesefunden befanden sich auch solche der Spätbandkeramiker, Urnenfelderkultur und des Früh- bis Hochmittelalters, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auch in diesen Zeiten in der Flur "Auf dem Beund" gesiedelt wurde.

Im Herbst 2002 folgte unter Beteiligung der Archäologie AG des Geschichtsvereins Usingen e.V. eine kleinere Sondierungsgrabung des Landesamtes für Denkmalpflege Wiesbaden, da das Bodendenkmal hinsichtlich der noch lückenhaften Erforschung germanischer Ansiedlungen im Vorfeld des römischen Limes nach wie vor einen besonderen Stellenwert innehat.


Aufgrund der sehr guten Erfahrung mit geophysikalischen Prospektionen, wurde auch dieses Bodendenkmal vor Grabungsbeginn geomagnetisch prospektiert, um erste Erkenntnisse über noch vorhandene Befunde im Untergrund (Gruben, Pfostenspuren, Gräben, Wege, Hausgrundrisse usw.) zu erhalten. Das Prospektionsergebnis ließ zahlreiche Gruben, den vermutlichen Rest eines Gräbchens, mehrerer Grubenhäuser und nicht näher zu verifizierende Anomalien erkennen.

Herr Martin Posselt (Posselt & Zickgraf GbR) beim prospektieren des Ackers.
Anhand des Prospektionsergebnisses und der Erkenntnisse zur Fundstreuung
der germanischen Keramik wurde die Ausgrabungsfläche festgelegt
und im Gelände abgesteckt.

Die Grenze der geophysikalisch erfassten Befundausdehnung deckte sich wiederum gut mit den während der ehrenamtlichen Feldbegehungen dokumentierten Fundstreuung, was den Zusammenhang zwischen Oberflächenfunden und Befundsituation unter der Pflugschicht erneut verdeutlicht.

Vor dem Einsatz des Baggers wurde die Fundstelle aufgrund zu erwartender Metallfunde mit Metalldetektoren prospektiert. Es ist immer wieder erstaunlich, was sich an Kleinschrott auf dem Acker findet, welcher über Jahrhunderte über den Misthaufen entsorgt oder bei der Feldarbeit verloren gegangen ist...

Sondengänger im Dienste der Archäologie...

Das Metallsuchgerät war ständiger Begleiter der Ausgrabung nicht nur, um keine Metallfunde zu übersehen, sondern auch, um dem leider immer wieder auftauchenden Diebstahl von Funden und damit einhergehender Befundzerstörung auf Ausgrabungen durch Raubgräber zuvorzukommen.

Im Laufe der Grabung wurden mehr als 40 Befunde aufgedeckt, darunter drei Grubenhäuser (1, 31 u. 41) und eine Steinfundamentierung (21), welches den Reste eines Gebäudes darstellt.

Ausgrabungsplan gelb: bandkeramisch, rotbraun: germanisch, blau: mittelalterlich, weiß: unbestimmt
(mit freundlicher Genehmigung des LfD Wiesbaden)

Die Befunde lassen sich vier verschiedenen Zeitepochen zuordnen, der späten Linienbandkeramik (um 5.000 v.Chr.), der jüngeren Urnenfelderkultur (10./11. Jh. v. Chr.), der Römischen Kaiserzeit (ca. 1./2. Jh. n. Chr., germanisch) und dem Früh- bis Hochmittelalter (8. bis 12. Jh. n. Chr.).

Hervorzuheben sind die drei Grubenhäuser, von denen eines aufgrund seiner germanischen Keramikscherben in die römische Kaiserzeit datiert. Die anderen zwei stammen aus spätfränkischer bis spätkarolingischer Zeit.

Abb. 1: Der südliche Schnitt (40 m lang, ca.10 bis 15 m breit) mit einem der mittelalterlichen Grubenhäuser (rechteckige dunkle Verfärbung im Vordergrund (31), vgl. Abb. 10 u. 11) und einer rechteckigen Steinfundamentierung (gelber Pfeil (21), vgl. Abb. 6-9), ebenfalls mittelalterlich.

Das Fundmaterial enthält überwiegend Keramik (u.a. Bruchstücke von Terra Sigillata), gebrannten/verziegelten Lehm, Webgewichte, aber auch ein Spinnwirtel, eine kleinere Feuersteinklinge, sowie Metallfunde (kleinere Eisenmesser, Nägel, Blei, ein kleiner Anhänger und zwei kleinere Scheibenfibeln) und zahlreiche Tierknochen (Speiseabfälle).

Abb. 2: Ein weiteres mittelalterliches Grubenhaus (41) ist im südlichen Schnitt deutlich erkennbar ,
nachdem es geregnet hatte (gelber Pfeil, siehe auch Abb. 12; Bedeutung blauer Pfeil: siehe Abb. 5).
Auf der geomagnetischen Prospektion war es bereits schwach erkennbar. An der linken oberen Ecke des Grubenhauses  ist eine dunkle Verfärbung erkennbar. Hierbei handelt es sich um eine Grube,
in der sich einige spätbandkeramische Scherben und Knochen fanden.

Das germanische Grubenhaus (1) war bedingt durch die Erosion denkbar schlecht erhalten. Erkennbar war der Rest einer größeren rechteckigen Verfärbung, die nach Osten hin unregelmäßig wurde und gänzlich verschwand.

Abb. 3: Reste des germanischen Grubenhauses (gelbe Linie) und dazugehörige Dach tragende, tiefgründige Pfosten (gelbe Pfeile) im Westen und Osten. Die Verfüllung enthielt neben typisch germanisch verzierten Scherben auch zahlreiche Hüttenlehmbrocken und Webgewichtreste.

Abb. 4:  Östliche Pfostengrube des germanischen Grubenhauses im Profil (vgl. Abb. zuvor, linker Pfeil)

Der gut erhaltene Rest einer kegelstumpfförmigen Silogrube (15) mit wenigen vorgeschichtlichen Keramikscherben als Inhalt fand sich zwischen germanischem und mittelalterlichem Grubenhaus im südlichen Schnitt (vgl. Abb. 2, blauer Pfeil). Solche Gruben dienten z. B. in der vorrömischen Eisenzeit als Vorratsgruben für Getreide (vgl. Projekt "Die Heisterbachstraße").

Abb. 5:  Die Tiefe von ca. 180 cm ist recht beachtlich...

Während die mittelalterliche Fundamentierung (21) im Westen noch recht gut erhalten war, war sie im Osten bereits völlig zerstört.

Abb. 6: Das Fundament zeigt eine rechteckige Struktur, die auf ein Fachwerkgebäude schließen lässt.

Grund hierfür dürfte neben dem Steinabbau insbesondere der Verlust durch Zerpflügen in Verbindung mir Erosion gewesen sein, da das Gelände nach Osten hin leicht abfällt.

Abb. 7:  In den Profilen kommt an der Basis des Gebäudes eine Ascheschicht zum Vorschein (vgl. nächste Abb.)

Abb. 8: Über der ca. 10 cm mächtigen Ascheschicht befindet sich die restliche Verfüllung.

Gegen Ende der Grabung wurde die noch verdeckte nordwestliche Hälfte der Steinsetzung aufgedeckt und dokumentiert, so dass der Grundriss des Hauses vollständig erfasst werden konnte.

Abb. 9: Länge der Fundamentierung: 11 m, Breite: 5,50 m

Südöstlich der Fundamentierung befand sich ein als Befund sehr gut erhaltenes mittelalterliches Grubenhaus (31), dessen Ausmaße im ersten Planum (vgl. Abb. 11) als auch nach dem ersten Abstich von 15 cm gut erkennbar waren.

Abb. 10: Für den Feinputz der ca. 4 x 2 m großen Fläche benötigte eine erfahrene Person ca. 3 Stunden.

Abb. 11: Nach Abstich von weiteren 30 cm ist das Grubenhaus weiterhin gut zu erkennen. In den jeweiligen ausgegrabenen Ecken werden allmählich die dort zu erwartenden Pfosten erkennbar (Pfeile). Weitere Pfosten fanden sich an den Stirnseiten und in der Mitte, die allesamt zu einem Fachwerkbau mit Schrägdach gehört haben dürften.

Das mittelalterliche Grubenhaus im südlichen Schnitt (41) (vgl. Abb. 2) zeichnete sich nach den Abstichen und Zwischenplana weiterhin schwach aber dennoch erkennbar ab. Es ist in die Tiefe nicht so gut erhalten wie das im nördlichen Schnitt.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die mittelalterlichen Gebäudereste einen landwirtschaftlichen Hof bildeten, der wohl bereits in frühkarolingischer Zeit gegründet wurde. Dies korrespondiert gut mit der frühesten Nennung Usingens: ("Osingen"/"Oasunge" o.Ä.).

Ein erfreuliches "Nebenprodukt" der Grabung anlässlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Usingen im Jahre 2002!

Abb. 12: Schwach erkennbar zeichnet sich im Planum ein Eckpfosten (linker Pfeil) des Grubenhauses ab. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde bereits bis auf den anstehenden Boden ausgegraben und der Eckpfosten geschnitten (Pfeil).

Am 01.11.2002 wurde die Ausgrabung beendet und die Fläche rekultiviert, so dass sie wieder als Ackerland genutzt werden kann.

 

Das Fundmaterial

K e r a m i k

Die handgemachte germanische Ware lässt sich dem Rhein-Wesergermanischen Formenkreis zuordnen. Vertreten sind die Formen nach v. Uslar I/II, III, V (z.B. Randscherbe oben links) und VI.

Unter dem Fundmaterial sind außerdem römische Gefäßreste vertreten. Hier sind ein Topf Hofheim 125/126 (oben links) und eine Schale Hofheim 115 (oben rechts), beide aus Terra Nigra, vorhanden. Eine Randscherbe einer Tasse Drag. 33 aus Terra Sigillata (unten links) scheint in die Mitte des 2. Jh. n. Chr. zu gehören.

Trotz mehrfacher Feldbegehungen mit Metalldetektoren konnten bislang keine vor-/frühgeschichtlichen Metallfunde geborgen werden, dafür jedoch eine größere Menge an Metallschrott, welcher seit Jahrhunderten über die Düngung auf dem Acker entsorgt od. verloren wurde.


P f l a n z e n r e s t e  und ihre archäobotanischen Untersuchungsergebnisse:

Wie inzwischen auf Grabungen üblich, wurden auch Sedimentproben aus den Befunden genommen, um sie anschließend der archäobotanischen Untersuchung zuzuführen. Hier die Ergebnisse der Probenuntersuchungen im Auszug:

"Die beiden Sedimentproben aus den mittelalterlichen Grubenhäusern waren fast fundleer ... Es fanden sich lediglich ein Gerstenkorn und zehn unbestimmbare Getreidekörner. Erstaunlich viele Kulturpflanzenarten erbrachte hingegen eine Probe aus der Verfüllung des germanischen Grubenhauses 1. Hier traten Gerste, Emmer, Einkorn, Echte Hirse, Kolbenhirse, Erbse und Leindotter auf (Abb. 105). Damit ist in einer einzigen Probe mit sieben Arten bis auf Linse das gesamte aus Hessen bekannte germanische Kulturpflanzenspektrum vertreten. Wie in den übrigen 19 germanischen Siedlungen mit archäobotanischen Untersuchungen fehlen auch hier wieder die Wintergetreide Dinkel Triticum spelta und Nacktweizen Triticum aestivum s.l./durum/turgi-dum sowie der Schlafmohn Papaver somniferum ...  Der Schwerpunkt der germanischen Landwirtschaft lag offenbar bei Sommerfruchtanbau, wie sich immer wieder - und so auch hier - bestätigt findet. Allerdings haben wir es hier nur mit Einzelproben zu tun. Die Funddichte an Pflanzenresten ist bei solchen Siedlungen eher gering, weshalb - wenn möglich - größere Probenserien untersucht werden müssten, will man Ergebnisse erzielen, die für einen ganzen Siedlungsplatz repräsentativ sind.

In den zwei Proben aus dem germanischen Grubenhaus fanden sich noch Haselnussschalen. Außerdem erbrachte die fundreichere Probe elf potentielle Unkrautarten, die - wenn sie mit den Kulturpflanzen zusammen gewachsen sind - auf Brachwirtschaft verweisen. Wie in einer Lösslandschaft zu erwarten, lassen sich aufgrund der ökologischen Eigenschaften der potentiellen Unkräuter hinsichtlich der Ackerböden keinerlei Extreme feststellen. Lediglich der Acker-Spörgel gilt heute als Versauerungszeiger.

Die Erforschung des frühgermanischen Bodenbaus liegt in Hessen noch ganz in den Anfängen. Daher ist jede neue Fundstelle willkommen, die die archäobotanische Datenbasis erweitern hilft. Von großem Interesse wäre auch, die Entstehung der germanischen Landwirtschaft in den Jahrzehnten um Christi Geburt und ihre Weiterentwicklung zur Völkerwanderungszeit und im Frühmittelalter zu untersuchen. Ab dem 4. Jahrhundert nach Christus fehlen jedoch bedauerlicherweise aus Hessen und angrenzenden gebieten noch jegliche naturwissenschaftlichen Untersuchungen."

Quelle: Angela Kreuz, Germanische Pflanzenreste aus dem Hintertaunus. Hessen-Archäologie 2002, S.: 92 ff.

 

Danksagung:

Der Erfolg archäologischer Ausgrabungen und Erhalt des dabei geborgenen Kulturguts wird wesentlich durch seine Unterstützer geprägt. Die Ehrenamtliche Kreisarchäolgie des Hochtaunuskreises bedankt sich daher sehr, sehr herzlich bei:

Familie Werth, Hattsteiner Hof, Usingen (Eigentümer/Pächter)

Stadt Usingen (Ordnungs- und Bauamt), Katasteramt,

Gärtnerei Leder (Wehrheim),

Landwirtschaftlicher Betrieb Etzel (Wehrheim),

Firma Scholler Bagger + Erdarbeiten GmbH (Weilrod-Gemünden),

Firma Eckhardt (Wehrheim),

Altstadtbäckerei Bad Homburg v.d.H.

und nicht zu vergessen bei den fleißigen Grabungsteilnehmer/innen!

 

Veröffentlichungen zum Projekt:

Egon Schallmayer, Norbert Fischer, Usingen "Auf der Beund" - Germanisches Grubenhaus und karolingischer Herrenhof. Hessen-Archäologie 2002, S. 95 ff.;

Angela Kreuz, Germanische Pflanzenreste aus dem Hintertaunus. Hessen-Archäologie 2002, S.: 92 ff.;

Eckhard Laufer, Germanen - etwa im Vorfeld der Saalburg? Eine Scherbe macht noch keine Siedlung. Jahrbuch HTK 2005, S. 269 ff.

Herrn Prof. Dr. Schallmayer (LfD Wiesbaden) wird für die Zustimmung der Veröffentlichung einer Zusammenfassung des Grabungsverlaufs und seiner Ergebnisse durch die Archäologie-AG des GeVe. Usingen e.V. im Internet herzlich gedankt.


© Text und Fotos: E. Laufer



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