20 | 11 | 2017

Eisenzeitliche Silogruben im Heisterbachtal


Einleitung:

Beim Bau der "Heisterbachstraße" 1997 wurde eine mehrere Hektar große Fläche vom Humus befreit. Entlang dieser Trassenführung waren bereits seit 1993 vier vorgeschichtliche Lesefundstellen bekannt, die jedoch nicht weiter datierbar waren.

Baumaßnahmen wie diese bieten stets die Chance, neue und für die archäologische Forschung wichtige Erkenntnisse zur Besiedlungsgeschichte zu erlangen. Im Vorfeld wurde daher mit dem Bauamt der Gemeinde Neu-Anspach und dem Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden Kontakt aufgenommen, die einer baubegleitenden ehrenamtlichen archäologischen Untersuchung zustimmten (Nachforschungsgenehmigung, Az. KII3-784/60.1-672).



Foto: Joachim Storch

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass es sich bei den baubegleitenden archäologischen Untersuchungen stets um Notgrabungen handelt, die nur innerhalb der Baumaßnahmen stattfinden können. Unsere Tätigkeit wurde aufgrund eines "offenen Ohres" für unser denkmalpflegerisches Anliegen durch die beauftragte Straßenbaufirma Jost aus Weilmünster und dem Ingenieur-Büro Schwebel aus Dietzenbach tatkräftig durch Maschineneinsatz und vermessungstechnisch unterstützt.


Grabungsergebnisse:

Abb. 1: Ausschnitt aus der TOP 25 (Hess. Landesvermessungsamt, Apr. 2000)

Neben Resten einer Grube mit wenigen Gefäßscherben, wohl aus der Frühlatènezeit (ca. 5. Jh. v. Chr.), und kleinere Gruben (1) sowie einem Kolluvium mit mittelbronzezeitlichen (ca. 1.600-1.300 v. Chr.) Funden (Scherben und eine kleine Feuersteinklinge), die allesamt auf Siedlungsreste hindeuten (3a u. 3b), wurden bei 2 die Reste typischer eisenzeitlicher Silogruben entdeckt, die nachfolgend näher vorgestellt werden sollen:

Nach dem Abtrag des Humus durch den Bagger kamen drei rundlich bis ovale, im Durchmesser 150 bis 200 cm breite Verfärbungen zum Vorschein.


 

Abb. 2: Eine runde Grube (max. Dm.: 156 cm) und eine unregelmäßig ovale Grube
(max. Dm.: 174 cm) mit dunkelbrauner Verfüllung mit Holzkohlestückchen sowie einer
Scherbenkonzentration, bestehend aus unverzierten Wand- und Bodenscherben eines
größeren Gefäßes.


Abb. 3: Eine unregelmäßig ovale Grube mit mittelbrauner Verfüllung (mb V) und
dunkelbrauner Verfärbung (db V) mit Holzkohlestückchen und unverzierten Wandscherben
(uv Ws); max. Dm.: 200 cm.

Schnitte durch die Verfärbungen zeigten, dass es sich um Grubenreste handelte, von denen sich zwei deutlich beutelförmig nach unten ausdehnten und eine Resttiefe von 12 bis 38 cm hatten. Durch den mächtigen Bodenabtrag durch Erosion und Baggereinsatz konnten nur noch die unteren Bereiche der Gruben dokumentiert werden. Aufgrund ihrer Form lassen sich die Befunde 37/1997-5 und -6 als Silogruben für die Vorratshaltung deuten. Sie enthielten zahlreiche Scherben von Keramikgefäßen aus der Späthallstatt-/Frühlatènezeit (6./5. Jh. v.Chr.).

In Befund 37/1997-5 fanden sich zudem (wenig) gebrannter/verziegelter Lehm (kleine Stücke), ein Tierzahn (wohl von einem Pferd) und ein zerbrochener geschliffener Stein in der Form eines Steinbeils, der wohl zum Glätten von Keramik diente.

In Befund 37/1997-6 fanden sich neben der Keramik auch gebrannter/verziegelter Lehm (kleine Stücke, mehr als in -5) und ein Knochenstückchen unbekannter Herkunft.



Abb. 4:  Befund 37/1997-5 im Profil, max. Resttiefe: 38 cm;
beutelförmige Ausbuchtung an der Grubenbasis mit unterschiedlichen
Verfüllschichten (u.a. Holzkohleband); im Profil erfasst: zwei unverzierte
Wandscherben (uv Ws) und eine verzierte Randscherbe (vz Rs) mit flachen
Fingertupfen (schwarze Pfeile) auf der Wandung unterhalb des Randes.

Abb. 5:  Befund 37/1997-6 im Profil, max. Resttiefe: 34 cm; ebenfalls beutelförmige
Ausbuchtung mit unterschiedlichen Verfüllschichten (u.a. Holzkohleband);
im Profil erfasst: sechs unverzierte Wandscherben (größere dunkle Flecken).

Ähnliche Gruben vergleichbarer Zeitstellung sind z.B. auch aus Kehlheim in Bayern bekannt. In Ensérune (Südfrankreich) kann man in dem dortigen Oppidum noch heute eine lebendige Vorstellung solcher Silogruben gewinnen, die zum Teil bis zu 3 m tief sind.

Der römische Schriftsteller Marcus Terentius Varro
(siehe Lit.-Angaben) beschreibt im 1. Jh. v.Chr. die Silogruben sehr genau:

"Deren Boden streuen sie mit Spreu aus und sorgen dafür, dass das Getreide mit Feuchtigkeit oder Luft nur in Berührung kommen kann, wenn es zum Verzehr hervorgeholt wird. Wohin nämlich kein Lufthauch dringt, dort entstehen keine Kornkäfer. So gelagert, hält sich Weizen leicht 50 Jahre, ja, Hirse sogar länger als 100 Jahre".

Diese Beschreibung vermittelt eine gute Vorstellung davon, wie die Menschen im Heisterbachtal enist ihr Getreide gelagert haben dürften. Nach ihrer Nutzung wurden die Gruben dann mit Siedlungsabfällen und Erde verfüllt.

Pfosten von Hausgrundrissen konnten aufgrund des Bodenabtrags an dieser Stelle nicht mehr beobachtet werden, da sie in der Regel nicht so tief in die Erde reichten wie die Gruben.


Das Fundmaterial aus den Befunden 37/1997-5, -6 und -7:

 


Abb. 6: Reste einer in Winkelmuster ritzlinienverzierten Schale mit leicht
einbiegendem geschwungenem Rand (Übergang zw. Hallstatt und Latène).



Abb. 7: Scherbe eines kleineren Gefäßes mit eingezogenem Rand (Frühlatène).
Der Umbruch zwischen Gefäßschulter und -bauch zeigt deutliche Abnutzungsspuren.
Die Gefäßoberfläche ist hier durch das wiederholte Anfassen in vorgeschichtlicher
Zeit aufgehellt und rauer als das geglättete Umfeld.



Abb. 8: Randscherbe mit Fingertupfen und kalenderbergartiger Reliefverzierung (Hallstatt D).

 


Abb. 9: Randscherben von Schüsseln und Töpfen mit schräg gekerbten
und getupften Randprofilen der Späthallstatt/Frühlatènezeit (ohne Zeichnung).



Abb. 10: Ein zerbrochener geschliffener Stein, der einem Steinbeilchen ähnlich
sieht, wohl aber eher zum Glätten/Polieren von Keramik verwendet worden sein dürfte.

Zusammenfassung:

Durch die baubegleitende archäologische Untersuchung der Heisterbachstraße konnte im Usinger Land erstmals eine späthallstatt-/frühlatènezeitliche Siedlung nachgewiesen werden. Ohne die Beobachtung der Baummaßnahmen wäre die Kenntnis über diese Ansiedlung im Dunklen geblieben und undokumentiert zerstört worden.

Des Weiteren zeigte sich bei den bodenkundlichen Beobachtungen entlang der Trasse, wie sehr das Gelände  spätestens ab dem Mittelalter durch Erosionen nachhaltig verändert wurde, wodurch das Relief der Aue durch Auffüllungen verflacht und Fundmaterial sekundär verschleppt wurde.


Abb. 11: Beispiel einer Späthallstattzeitlichen Siedlung von Hochdorf (Quelle: M. Kuckenburg).


© Text Eckhard Laufer und Stephan Weiß, M.A.

Befundzeichnungen: E. Laufer und T. St.
Fundfotos:              G. Wilhelm
Fundzeichnungen:   St. Weiß, M. A.

 

Literatur:

I. Kappel, Ein Gräberfeld der Hallstattzeit in Ahnatal-Weimar, Kreis Kassel. Fundber. Hessen 19/20, 1979/80, 559-574

M. Kuckenburg, Vom Steinzeitlager zur Keltenstadt. Siedlungen der Vorgeschichte in Deutschland. (Stuttgart 2000)

M. Hoppe, Neue Siedlungsfunde der Bronze- und Eisenzeit. Fundberichte Baden-Württemberg 7, 1982, 96 und zur Latènezeit im Allgemeinen: A. Jockenhövel, Die Eisenzeit. In: F.-R. Herrmann/A. Jockenhövel, Die Vorgeschichte Hessens (Stuttgart 1990) 244 ff.

M. Hoppe, Die Erdkelleranlage der frühlatènezeitlichen Siedlung von Kelheim, Gemünd. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1986 (Stuttgart 1987) 92-95

M. Schwaller, Ensérune. Guides archéologique de la France (Paris 1994) 63 ff.

Varro rust. 1,57 (Übersetzung nach D. Flach)

 

Veröffentlichungen zum Projekt:

Eckhard Laufer/Stephan Weiß, Vorgeschichtliche Siedlungsspuren im Heisterbachtal. Ein Bericht zur baubegleitenden archäologischen Untersuchung der Heisterbachstraße. Jahrbuch HTK 2000, S. 173 ff.


 

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