23 | 10 | 2017

Fürst Walrad

Walrad, Fürst von Nassau-Usingen (1635 - 1702)


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


von Friedebert Volk, GeVe. Usingen e.V.

Hinweis: Erschienen 2009 als 8. Usinger Geschichtsheft mit zahlreichen Bildern und rd. 150 Fußnoten bzw Quellennachweisen.


Walrads Jugend

Walrad wurde am 24. Januar 1635 in Metz geboren. Er war der siebte und jüngste Sohn des Grafen Wilhelm Ludwig  von Nassau-Saarbrücken (1590-1640). Seine Familie gehörte zum walramischen Zweig der Nassauer, der 1255 aus einer Bruderteilung hervorgegangen war und dessen Herrschaftsgebiete sich zunächst südlich der Lahn bis etwa zum Rhein erstreckten. Die Gebiete an der Saar kamen 1381 hinzu, als Johanna von Saarbrücken, die Gattin Johanns I., des Enkels Königs Adolphs von Nassau, ihren Vater beerbte.

Die Mutter Walrads war Anna Amalia von Baden-Durlach (1595-1651), Tochter des bekannten Markgrafen Georg Friedrich, der mit Mansfeld und Christian von Braunschweig zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges mutig für den vertriebenen Böhmenkönig eintrat.

Walrads Kindheit war keineswegs unbeschwert. Sein Vater ergriff im Dreißigjährigen Krieg wie seine Brüder und sein Schwiegervater Partei für die protestantische Seite und fiel nach der Niederlage des Schwedenkönigs im September 1634 bei Nördlingen in kaiserliche in Ungnade. Er scheint seine Familie sofort nach Metz unter französischen Schutz gebracht zu haben. Das war auch der Grund, daß Walrads Geburtsort Metz wurde. Selbst folgte er 1635 dorthin, als Bernhard von Weimar mit seinen Truppen in Saarbrücken eindrang. Für seinen Lebensunterhalt gewährte ihm der französische König ein Jahresgeld. Das alles belastete ihn so stark, daß er schon am 22. August 1640 starb. Über den erst fünfjährigen Walrad und seine älteren Brüder führte nun die energische und kluge Mutter die Vormundschaft. Als Walrad fünfzehn Jahre alt war, gab sie ihn in den persönlichen Dienst des als Feldherrn und Diplomaten berühmten Pfalzgrafen Karl Gustav, des späteren schwedischen Königs. Bei diesem weilte er vom Mai bis Juli 1650 in Nürnberg, wo der Kongreß zur „Exekution“ des westfälischen Friedens stattfand. Als Hofmeister war ihm der Usinger Oberamtmann Ludwig Henrich von Wachenheim, Besitzer des Junkernhofes, beigegeben. Eine ernste Krankheit beendete Walrads Aufenthalt in Nürnberg. Danach schrieb er seiner Mutter nach Ottweiler: Die große gnade, die mihr derorthen wiederfahren, werde ich jederzeit höchlich zu rühmen wissen, und derentwegen mich möglichst befleißigen solche zu meritiren. Walrad schließt mit den Worten: euer gnaden gehorsamer sohn, solange ich lebe. Um seinen Schwur zu erfüllen, hatte Walrad nur noch wenig mehr als ein Jahr Zeit, denn die Mutter starb im November 1651. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in der Schloßkapelle zu Saarbrücken, das damals wieder befreit war; doch für einen Grabstein fehlten der Familie die Mittel.

Im Jahre 1652 folgte Walrad dem Beispiel zahlreicher anderer Nassauer Grafen und bezog die Hugenotten-Universität Saumur.  Da im Ausbildungskanon der nassau-saarbrückischen Grafen der Kriegsdienst einen hohen Stellenwert hatte, finden wir ihn bald in den Reihen der französischen Armee, wo er Rittmeister im Regiment des Marschalls de la Ferte wurde. Das französische Heer war zu dieser Zeit eines der kriegstüchtigsten der Welt; die Namen seiner Führer, wie Turenne, Conde, haben einen guten Klang in der Kriegsgeschichte, und die militärische Schulung, die Walrad dort zuteil wurde, erwies sich von großer Bedeutung für sein ganzes späteres Leben. „Fronterfahrung“ erwarb er 1654 beim Feldzug gegen Lothringen, worüber er seinem Bruder Johann Ludwig berichtete. Dem Feinde sei unvorstellbar großer Schaden zugefügt worden. Er selbst habe im Kampf aber zwei Pferde verloren und sein Bruder Gustav Adolf sei vorne im Stiefel von einer Kugel getroffen worden, doch alles ohne Folgen.

Bald nahm der junge Graf seinen Abschied von der Armee und begab sich für längere Zeit auf Reisen, unter anderem nach Holland und England. Auch dem Kennenlernen fremder Länder maß man bei der Vorbereitung junger Männer auf ihr Herrscheramt eine große Bedeutung zu.

 

Regierungsantritt

Die Grafen des protestantenfreundlichen nassau-walramischen Zweiges waren 1635 vom Kaiser ihrer Länder für verlustig erklärt worden. Das Usinger Land erhielt 1637 Graf Ludwig von Hadamar, der dem nassau-ottonischen Zweig angehörte und 1629 zum Katholizismus übergetreten war. Dank schwedischer und französischer Nachhilfe wurden die Enteigneten im westfälischen Frieden wieder in ihre alten  Rechte eingesetzt. Nur der Herzog von Lothringen widersetzte sich der Herausgabe einiger Gebietsteile, was die Grafen von Nassau-Saarbrücken zu langjährigen Restitutionsbemühungen zwang.

Eine Neuordnung der nassau-saarbrückischen Besitzverhältnisse brachte am 6. März 1651 der Vergleich von Gotha. Er knüpfte an den Vertrag von 1629 an, mit dem die vier Söhne Ludwigs II. das väterliche Erbe unter sich geteilt hatten.  Damals erhielt Walrads Vater Saarbrücken, sein Bruder Johannes Idstein und Bruder Ernst Kasimir Weilburg. Für Otto, den jüngsten Bruder, war die Grafschaft Neuweilnau-Usingen vorgesehen.

Der Vertrag von Gotha bestätigte nun die Grafen Johannes und Ernst Kasimir in ihren ursprünglichen Rechten. Die Anteile von Walrads Vater und dessen Bruder Otto mussten neu vergeben werden, da beide zwischenzeitlich verstorben waren. Otto (+ 1632 in Straßburg) hatte keine Erben hinterlassen, Wilhelm Ludwig aber drei Söhne, Johann Ludwig (*1621), Gustav Adolph (*1632) und Walrad. Ersterer erhielt Ottweiler, Gustav Adolph Saarbrücken und Walrad das einst seinem Onkel Otto zugedachte Neuweilnau-Usingen. Der älteste Bruder Walrads, Johann Ludwig, übte die Vormundschaft über seine beiden jüngeren Brüder aus. Nach achtjähriger gemeinschaftlicher Regierung kam es am 31. März 1659 zur endgültigen Erbteilung.

Die Walrad zugeteilte Grafschaft umfasste nur ein Gebiet von rund 280 qkm mit einer Stadt und 31 Ortschaften. Im Kerngebiet um Usingen lagen 27 Dörfer, davon dreizehn im Stockheimer Gericht, in denen die Herren von Reiffenberg ein Mitspracherecht hatten. Mehrere Dörfer im Amt Kirberg waren Exklaven mit z.T. geteilten Besitzverhältnissen. Die meisten Orte waren nach dem Dreißigjährigen Krieg verarmt, zerstört und entvölkert. Die einstige gewerbliche Blüte war erloschen. Der Bevölkerungsrückgang war mit etwa 75 Prozent dramatisch hoch. In Zahlen ausgedrückt herrschte Walrad nur noch über rund 3000 Untertanen. Ihre Steuerkraft betrug im Jahre der Teilung im Amt Usingen 609 Gulden, im Amt Altweilnau 986 Gulden, im Stockheimer Gericht nach Abzug des Reiffenbergischen Anteils 323 fl. Verhältnismäßig am besten muß es noch im Amt Neuweilnau ausgesehen haben, denn dieses brachte 1944 Gulden ein.

Bei diesen Verhältnissen war abzusehen, daß selbst eine bescheidene Hofhaltung bald an ihre Grenzen stoßen wird. Wie bekannt, beschaffte sich Walrad später Nebeneinkünfte als Soldat in fremden Diensten. Vorerst aber bemühte er sich um die Hebung der Wirtschaftskraft im Lande selbst. Die Bevölkerungszahl versuchte er durch Zuwanderung zu heben. „Eingeschlagen“, also angesiedelt,  haben sich damals beispielsweise der Waffenschmied Christian Handel aus Fiss in Tirol, der Schreiner Rudolph aus Thüringen oder Hans Zitzer aus Ungarn, die Stammväter einer weitverzweigten Nachkommenschaft wurden.

Besonderen Wert legte Walrad auf die Eisenindustrie. Den Anfang machte er im unteren Weiltal. Dabei griff er auch auf belgische Fachkräfte zurück. Später errichtete er eine Schmelze auch in Usingen (Seemühle). Die Holzkohle dafür ließ er am Hohen Berg und am Brandholz brennen.

Für die Lebensmittelversorgung seines Hofstaates unterhielt Walrad eigene Höfe, die er meist mit einem „Beständer“ besetzte. Der bekannteste Hof war der „Neue Hof“, den er 1665 an der Stelle der Wüstung Hungeses erbaute. Später entstand daraus das Dorf Wilhelmsdorf.

Am meisten hatte im Dreißigjährigen Krieg die Stadt Usingen gelitten. Noch 1663 lebten in ihren Mauern neben 10 Witwen nur 69 Bürger, von denen höchstens zwei Drittel zur Steuerzahlung herangezogen werden konnten. Mit Mühe war es ihnen gelungen, einen Teil der Häuser und die Kirche wieder aus Schutt und Asche erstehen zu lassen. Da war für sie Walrads Entscheidung, seinen Regierungssitz in Usingen zu errichten, ein großes Geschenk. In die Stadt kamen Beamte, und Ausbaumaßnahmen wurden eingeleitet. All das steigerte die Anziehungskraft Usingens auch für die altangesessene Junkernschaft (wie die von Wachenheim, von Schletten, von Kniestätt, später von Maltitz und von Donop u.a.).

Walrad hätte sich auch für Neuweilnau entscheiden können, zumal dort ein ansprechendes Schloß vorhanden war. Für Usingen sprach aber das frühere Ansehen als Stadt und die bessere Verkehrslage, wozu ohne Zweifel auch die Nähe zu Friedberg als Poststation und als Sitz des einflußreichen Wetterauischen Grafenverbandes zählte. Grundsätzlich kann man die Entscheidung für Usingen aber auch als Rückbesinnung auf die mittelalterliche Verwaltungstradition deuten, denn ursprünglich gehörte das Usinger Land mit seiner Talöffnung nach Osten zur Grafschaft Wetterau (comicia Wedereiba). Die Ausrichtung auf das Gebiet der mittleren Lahn hatten seit Beginn des 13. Jahrhunderts erst die Grafen von Diez bewirkt. Möglicherweise wollte sich Walrad aber auch mehr von Nassau-Weilburg abgrenzen, denn bis zum Tode Graf Philipps III. 1559 wurde das Usinger Land rund zweihundert Jahre lang von Weilburg aus regiert.

Walrad oblag es, eine effiziente Landesverwaltung aufzubauen. Er musste drei Ämter (Usingen, Altweilnau Neuweilnau), ein Kirchspiel (Grävenwiesbach), eine Kellerei (Kirberg) und das Stockheimer Gericht zusammenführen. Vorbild waren ihm die Provinzialkanzleien seines Großvaters, Ludwig II, wie  Weilburg und Idstein. Hilfreich wäre personelle Kontinuität gewesen, die aber entfiel, da der amtierende, noch von Ludwig von Hadamar eingesetzte Rentmeister, Johann Nicolaus Frentzel, gleich zu Anfang wegen Unterschlagung entlassen werden mußte. Als neue Spitzenbeamte berief Walrad den Rath und Sekretär Philipp Schröder (1619-1687) sowie den Amtmann und Rentmeister Georg Heinrich Schmidtborn (1629-1711). Mit Schröder war Walrad schon von Kindesbeinen an, genauer seit 1641, vertraut, denn dieser war zunächst sein Erzieher. Später diente er ihm als eine Art büroleitender Beamter. Seine Treue belohnte Walrad 1685 durch Schenkung von 110 Morgen abgabenfreien Landes und des Hauses Schloßplatz 4 (jetzt Stadtmuseum). Damit galt auch Schröders rückständige Besoldung als abgegolten. Auch Schmidtborn hatte die Wege Walrads möglicherweise schon früh gekreuzt, denn er war gebürtiger Saarbrücker. Mit Sicherheit begegneten sich beide aber 1657 in Ockstadt, wo Schmidtborn Keller bei Freiherrn von Franckenstein war und wo Walrad damals öfter weilte, da er Eleonore, die Tochter des Freiherrn, verehrte. Schmidtborn besorgte bisweilen sogar delikate Post der Verliebten. Im Februar 1660 holte ihn Walrad nach Usingen, zunächst als Keller, aber schon zwei Monate später als Rentmeister und Amtmann.

Diese beiden Beamten waren viele Jahre lang die Garanten für eine ordnungsgemäße Verwaltung der kleinen Herrschaft Usingen. Wegen der Überschaubarkeit der Aufgaben entfiel vorerst die klassische Teilung in Kanzlei und Kammer. Deutlich wird das an Georg Heinrich Schmidtborn, der abwechselnd mit

Rentmeister und Amtmann tituliert wurde, offenbar weil er in beiden Aufgabenbereichen tätig war. Zur Verschmelzung der Ämter Usingen Neuweilnau, Stockheim und Altweilnau kam es durch Aufhebung von Amtmannsstellen. Sehr lange dauerte der Zusammenschluß der Buchhaltungen. Neuweilnau kam zu Usingen erst 1672, Grävenwiesbach 1679, Altweilnau 1685 und das Stockheimer Gericht 1699.

Auch wenn Walrad sehr sparen musste, leistete er sich schon 1663 mit Friedrich Ferdinand von Stein einen Hofmeister, der anlässlich des Todes von Landgraf Wilhelm VI. mit Kondolenzbriefen nach Kassel reiste.

 

Regierungsalltag

Grundsätzlich kümmerte sich Walrad bis zu seinem Ableben in durchaus patriarchalischer Weise selbst um sein Land und behielt sich in allen Fragen das letzte Wort vor. Schröder und Schmidtborn nahmen ihm jedoch die Routinearbeiten ab. Zu diesen gehörten beispielsweise das regelmäßige „Abhören“ der Bürgermeister- und Kirchenrechnungen, Besuche der Märkergedinge oder die Genehmigung von Heiraten ins „Ausland“, wozu schon benachbarte Dörfer wie Wernborn zählten. Da die Grafschaft Nassau-Usingen an nicht weniger als neun (!) fremde Gebiete grenzte, galt es auch, guten Kontakt zur deren Regierungen zu halten. Ein Sonderfall war das Stockheimer Gericht. Schröder und Schmidtborn ritten regelmäßig dorthin, um mit dem reiffenbergischen Beamten Fabricius zu verhandeln. Protokollant war Schmidtborn. Gemeinsame Lösungen waren nötig in Steuerfragen und bei der Rekrutierung der Miliz. Da Westerfeld, Haußen, Arnsbach und Niederlauken nach Usingen eingepfarrt waren, ging es auch um Kirchensachen. So wurden 1662 Absprachen über die Gestaltung des Weihnachtsgottesdienstes und einer angeordneten Buß-, Fasten- und Betwoche getroffen. Als Walrad von den vier Gemeinden einen Beitrag von 100 Gulden zum Usinger Kirchenbau forderte, beschwerte sich der Mitbesitzer, der Mainzer Domherr Philipp Ludwig von Reiffenberg, beim Domkapitel. Als Walrad und der Freyherr von Reiffenberg 1664 beim Reichstag in Regensburg zusammentrafen, vereinbarten sie ein project, die Geistlichkeit im Stockheimer Gericht betreffend.

Sehr ernst nahm Walrad die Lobby-Arbeit beim Reichstag. Dieser war von Kaiser Leopold I. im Jahre 1662 nach Regensburg einberufen worden und entwickelte sich nach seiner Eröffnung am 20. Januar 1663 zum „immerwährenden“ Reichstag. In den nassau-saarbrückischen Ländern beriet man sich schon im Dezember 1662 über die Durchführung eines Kirchengebets zum Gelingen der Reichsversammlung. Walrad ging es um die Vertretung der gemeinsamen Restitutionsansprüche und drängte seine gräfliche Verwandtschaft immer wieder brieflich und bei den jährlichen Hauskonferenzen zu koordiniertem Handeln. Federführend war bei den Hauskonferenzen stets der jeweilige Senior des nassau-saarbrückischen Grafenverbandes. Ihm unterstand die 1671 eingerichtete Kanzlei, die an wichtigen Reichsstellen Einfluß nehmen sollte. Zur Zeit Walrads hatte sein Idsteiner Onkel Johannes (1603-1677) die Leitung inne und danach sein ältester Bruder, Johann Ludwig (1621-1690). Von 1690 bis zu seinem Tode 1702 stand Walrad selbst der Hauskonferenz vor.

Ein zweiter Weg, in Regensburg Einfluß zu nehmen, war der schon erwähnte Wetterauische Grafenverband (wetterawisches collegium) mit Sitz in Friedberg. Die Grafschaften verfügten zwar nur über eine stimmrechtlose „Grafenbank“, konnten aber auch von dort aus die Meinungsbildung beeinflussen. Walrad verhandelte oft mit dem Leiter des Grafenverbandes, Graf Moritz zu Solms-Hoingen, über den „Türkenpfennig“ oder die „Türken-Hülf“ für den bevorstehenden Türkenkrieg. Gerechnet wurde in „Römer monathen“, was ursprünglich dem monatlichen Sold für das zur Romfahrt des Kaisers nötige Heer entsprach. Bei der Umlegung auf die Reichsstände betrug ein Römermonat für die nassau-saarbrückischen Brüder 336 Gulden. Da 1664 zunächst 20 gefordert wurden, kam man auf eine Belastung von 6.720 fl.

Ganz erheblich war Walrads Reisetätigkeit, über die das von Rat Schröder gewissenhaft geführte Diensttagebuch teilweise Auskunft gibt. Im Jahre 1663 bestieg der junge Graf rund fünfundzwanzig Mal den Reisewagen oder schwang sich auf den Rücken seines Pferdes, um private oder dienstliche Angelegenheiten zu erledigen. Dabei  besuchte er Berleburg (4), Hungen (2), Laubach (3),  Weilburg (2), Ockstadt, Weilmünster, Hanau , Mainz (2), Greifenstein, Kassel (2), Schwalbach, Kreuznach, Kirberg, Diez (2) und das „Westreich“, also die Residenzen seiner Brüder in Ottweiler oder Saarbrücken.

Zu den größeren Aufgaben der Verwaltung gehörte schließlich auch der Aus- und Umbau der Usinger Burg zu einem herrschaftlichen Wohnsitz.

 

Der Schloßbau

Die Usinger Burg wurde schon zwischen 1555 und 1578 zu einem kleinen Schloß umgebaut. Dort wohnte  Philipp III. von Nassau-Weilburg (1504-1559), wenn er die Usinger Amts- und Kellereiverwaltung visitierte oder zur Jagd ging. Bisweilen erschienen auch illustre Gäste wie Wilhelm von Oranien, der Befreier der Niederlande vom spanischen Joch, der 1562 mit einem 150 Pferde umfassenden Troß Gast Philipps IV. war. Nach 1559 war Usingen Witwensitz der dritten Gemahlin von Philipp III., Amalie, geb. von Isenburg-Büdingen.

Das Schloß hatte also durchaus eine achtbare Vergangenheit hinter sich, als es Walrad zufiel. Trotz einer Reparatur im Jahre 1651 wies es aber noch erhebliche Mängel auf. Im Teilungsvertrag wurden Walrad daher 8000 Gulden zugesprochen, mit denen er zwischen 1660 und 1663 den weiteren Ausbau bestritt. In dieser Zeit entstanden auch das Marstallgebäude und die Anfänge des Schlossgartens. Wahrscheinlich wurde das Marstallgebäude über den Grundmauern eines hattsteinischen Gehöfts am Untertor errichtet, das damals baufällig war und abgerissen wurde.

Dieser ersten Bauphase folgte in den Jahren von 1674 bis 1678 eine zweite mit weiteren Um- und Anbauten. Spätestens damals erhielt der Mittelbau auch sein drittes Stockwerk, das auf dem Plan von 1651 noch fehlt. Der Baufortschritt hing aber stets von den Geldern ab, die Walrad von seinem Offizierssold abzweigen konnte. Seine Einkünfte hatten sich aber gerade 1674 mit der Übernahme der Statthalterschaft von Bergen op Zoom verbessert. Mit den Abgaben der Usinger Untertanen wären die Baukosten nicht zu bestreiten gewesen, denn wegen der kriegspressuren gab das Land, wie Amtmann Schmidtborn seinem Herrn damals schrieb, weniger als nichts her. Künstlerischer Leiter dieser zweiten Baumaßnahme war der holländische Maler Cornelius Elandt, der leider schon 1677 starb. Eine seiner letzten Maßnahmen war die Besorgung des porthals von einem Steinmetz in Büdingen. Sein Nachfolger war wieder ein Holländer mit Namen Schaly. Diesem übermittelte Walrad dreißig selbstgefertigte (!) Skizzen mit Szenen aus Ovid für das Ausmalen der Zimmer. Walrad kümmerte sich überhaupt um viele Einzelheiten, obwohl er kriegsbedingt in der Fremde weilte und seine Anweisungen nur brieflich geben konnte. Er besorgte Fensterglas aus Holland und Heilbronn, wählte die Tapeten für das sogenannte Weilburger Zimmer aus und mahnte zur Eile beim Zuschneiden der Dielen, als deren Stärke er ein Zoll vorschrieb. Im Nordbau ließ er die Türen breiter und höher machen und sorgte sich um den Guß von eisernen Platten für die von Marmorsäulen flankierten camine.

Leider besitzen wir von diesen Umbaumaßnahmen keine bildliche Darstellung und sind nur auf Rückschlüsse aus den im 19. Jahrhundert entstandenen Abbildungen angewiesen. Aus der Korrespondenz Walrads wissen wir nur noch, daß es in dem Schlößchen auch einen Kapellenbau und ein klockenspiel mit wohlklingender Resonanz gab. Im Ehrenhof, der gegen die Stadt offen war, befand sich in der Mitte ein Brunnen und eine große Linde. An den Brunnen erinnert noch heute die kreisförmige Pflasterung vor dem Haupteingang des Gymnasiums. Zwischen Schloß und Straße standen bis zum großen Brand 1692 noch drei Häuser, die nicht mehr aufgebaut wurden. Der jetzige Eisenzaun stammt aus Idstein und kam erst 1737 dazu.

 

Der Schloßgarten

Nach der Mode der Zeit wurde bei dem Residenzschlosse auch ein Hofgarten angelegt. Hier sind wir in der glücklichen Lage, einen Plan zu haben. Verfaßt hat ihn der schon erwähnte Maler Elandt. Der Garten war schmal und hatte nur zwei Terrassen, eine auf Höhe des Schlosses und die andere darüber, auf der die alte Turnhalle stand und gegenwärtig die Mensa erbaut wird. Im Frühjahr 1674 ließ Walrad entlang der Stadtmauer Obstbäume pflanzen. 1678 beauftragte er die Tyroler maurer, Steine für die Umfassungsmauer des Lustgartens zu brechen. Seinen Hofgärtner Eckhard beorderte er 1677 nach Holland, weil in den dortigen Gärten viel zu sehen sei, auch wie eine Allee nebst Mauer gemacht wird. Die Planierungsarbeiten am Obertor ließ er einstellen, weil in den Gärten  allhier zu sehen sei, wie die Erhöhung wohl stehet. Walrad hielt offenbar noch wenig von künstlich angelegten und symmetrisch angeordneten Flächen, wie sie nach seinem Tode der berühmte Baumeister Welsch schuf. Von Arbeiten am Schloßgarten hören wir auch noch im Jahre 1696, als Walrad wünscht, daß der Maurer Benedict mit seinen Leuten im Lustgarten am Weiher anfangen solle. Auch sollte er bewogen werden, im Lande zu heiraten. Gemeint war ohne Zweifel Benedikt Burtscher, der aber schon zwei Jahren vorher Anna Elisabeth Gies aus Lich geheiratet hatte. Ausnahmsweise war Walrad hier einmal nicht im Bilde und konnte bei einer Informationslücke ertappt werden.

 

Gescheiterte Heiratspläne

Walrad war von Gott mit guttem und gesundem verstand begabt und ein artiger, hübscher, angenehmer herr. Daher wundert es nicht, daß er beim schönen Geschlecht wohlgelitten war. Nach einigen interims amouren ergriff ihn 1657, also mit 22 Jahren, heiße Liebe zu Freifräulein Eleonore von Franckenstein aus Ockstadt. Da er gräflichen Geblüts, Eleonore aber nur Freifräulein war, stießen seine Absichten bei seiner Familie auf heftigsten Widerstand. Seine Vormünder, Friedrich, Pfalzgraf bei Rhein und Markgraf Friedrich von Baden-Durlach, erinnerten ihn im Dezember 1657 brieflich an seinen uralten adel und gaben zu bedenken, daß er seine bey der armee durch ewer dapferes verhalten erlangte gutte renommee durch eine ungleiche heurath beschädigen könnte. Walrad hatte sich aber schon soweit gebunden, daß er seine gegebene parole und gethanes versprechen ohne großen schimpf und spott nit retractieren könne. Walrad rechnete aber nicht mit der Hartnäckigkeit seiner Familie. Sie erhöhte den Druck auf ihn, bis er im Frühjahr 1658 klein beigab.

Walrad war seit 1659 Regent des Usinger Territoriums und wollte dem Land sicherlich auch eine Landesmutter und im Sinne der Nachfolge auch Prinzen und Prinzessinnen schenken. Bei der Suche nach einer Braut beschränkte er sich jetzt nicht mehr auf den Kreis der Freifräulein. Seine Wahl fiel auf Prinzessin Elisabeth, elftes Kind Wilhelms V., Landgrafs von Hessen-Kassel. Da Walrads Badener Großmutter ebenfalls aus dem Hause Hessen-Kassel stammte, war Elisabeth Walrads Cousine zweiten Grades. Beide waren sich sympathisch, so daß Walrad seinen Vormund und Schwager, Friedrich, Pfalzgraf zu Rhein, bat, für ihn als Brautwerber aufzutreten. Friedrich gewann als zweiten Brautwerber Johann Philipp von Schönborn, den einflußreichen Erzbischof und Kurfürsten von Mainz. In dem im August 1660 in Kassel abgegebenen Werbungsschreiben hieß es, daß Walrad bei Elisabeth eine solch gute inclination verspührt hat, seithero er die ehr gehabt, deroselben aufzuwarten, daß er sich hoffnung machen könne, (daß) deroselben seine persohn zur vermählung nit unahnnehmlich sein würde.

Wilhelm VI., Bruder Elisabeths und seit dem Tode des Vaters Chef des Hauses, zeigte sich überrascht, da er von der Aufwartung und der vorhandenen inclination nichts erfahren hatte. Er rügte die Mißachtung des Protokolls und verlangte vom jungen Usinger eine Entschuldigung und eine neue Vorsprache. Walrad dachte aber moderner. Er wollte kein protocoll-courtisan sein  und hielt es für wichtiger, sich der persohn zu versichern, die man gerne wollte. Dabei konnte er sich auf die unbedingte Zuneigung Elisabeths verlassen, die ihn seit Dezember 1660 in zeitweise täglich eintreffenden Briefen ihrer beständigen trewe und affection, ihrer amitie und unerschütterlichen, ja sogar ewig wehrenden beständigkeit versicherte.

Ungeachtet dessen war man am Kasseler Hof fest entschlossen, die Heirat zu verhindern. Der junge Graf war in Wilhelms Augen zu arm, als daß er seiner Schwester eine standesgemäße Lebensführung bieten könnte. Zwecklos war Elisabeths Bereitschaft, sich mit einem vergleichsweise bescheidenen Leben zufrieden zu geben.

Für Walrad folgten quälende Wochen, in denen er auf eine guhte resolution aus Kassel wartete. Im September bat er seinen Bruder Johann Ludwig von Ottweiler, der nach Paris reiste, ihm dort ein Kleid zu besorgen und tröstete sich damit: Wenn ich so unglücklich sein sollte und dieses Kleid nicht sollte zu meiner amour gebrauchen, so würde ich es hochnötig haben zu bestimmtem Termin in Heydelberg, womit er einen Gerichtstermin in irgendeiner Restitutionssache meinte. Das Kleid sollte recht nach der mode in paris gefertigt sein mit allem zubehör, Hut, bouquet des plumes (Federbusch) Seiden-strimpf, rabat (Kragenaufschlag) manchettes mit Spitzen sowie mit Wehrgehenck.

Am Kasseler Hofe zögerte man so lange, weil der Heiratswunsch Walrads auch Wilhelm in eine heikle Lage gebracht hatte. Einerseits konnte man die eindeutige inclination Elisabeths nicht einfach übergehen und zum andern mußte man die sehr hohe Stellung der beiden Brautwerber beachten, die nicht brüskiert werden durften. Wilhelm setzte daher im Oktober 1660 seinen diplomatischen Apparat in Bewegung. Der Kurfürst von Mainz erhielt Besuch von Dr. Johann Caspar von Dörenberg und Pfalzgraf Friedrich in Zweibrücken von Regierungsrat Caspar von Dalwyk. Der Kurfürst ließ sich schon nach einem halbstündigen Gespräch vom Standpunkt Wilhelms überzeugen. Ganze neun Tage, vom 31. Oktober bis 8. November 1660 (!), aber dauerten die Verhandlungen in Zweibrücken. Ihnen wohnte Walrad mit seinen Brüdern selbst bei, erreichte aber nichts. Immerhin sprach von Dalwyk in seinem Bericht an seinen Herrn respektvoll von der Sachkenntnis und Schlagfertigkeit Walrads.

Walrad setzte nun alle Hebel in Bewegung, um sein Ziel doch noch zu erreichen. Er begab sich auf eine Rundreise zu verschiedenen einflußreichen Bekannten und Verwandten und erbat ihre Fürsprache. Da ihm Wilhelm den Besuch Kassels untersagt hatte, platzierte er am Kasseler Hof einen V-Mann namens Zobel, der ihn über die Entwicklung am Laufenden hielt und den Kontakt zu Elisabeth hielt. Die Liebenden fanden daneben freilich auch Gelegenheit, sich heimlich zu treffen, einmal auch inkognito, vielleicht bei Elisabeths verständnisvoller Tante in Laubach oder in Bad Schwalbach, wo die landgräfliche Familie in einem eigenen Haus zu kuren pflegte.

Elisabeth versuchte im Herbst 1661, Walrad damit zu trösten, daß ein ihr bekanntes Paar sieben Jahre lang auf die Einwilligung der Eltern warten mußte. Walrad hatte sicherlich den besten Willen, musste jedoch auch das Alter Elisabeths und seinen Kinderwunsch bedenken. Er begann daher, über Alternativen nachzudenken und begab sich im Januar 1662 auf eine „galante Reise“. Sein erstes Ziel war der Sitz des Grafen von Wittgenstein in Berleburg, zu dessen zahlreicher Familie auch zwei heiratsfähige Töchter mit Namen Christine und Charlotte gehörten. Vierzehn Tage lang vergnügte man sich meist auf der Jagd und abends mit dantzen, balleten undt verkleyden. Wenige Stunden nach Walrads Abreise baten die Schwestern ihren Bruder, mit auf die Jagd fahren zu dürfen. Als Charlotte den Schlitten besteigen wollte, scheute das Pferd und traf sie tödlich am Kopf. Walrad war erschüttert, sonderlich da doch jedermann sagt, ich sey vor gahr gewiß mit ihr versprochen gewesen.

Natürlich hatte Prinzessin Elisabeth alles über Charlotte erfahren und stellte Anfang Februar bei einer Zusammenkunft in Laubach unangenehme Fragen. Nachdem sie ahnfänglich was uneins gewesen, haben sie aber hernach wieder accord gemacht.

Elisabeth hatte erkannt, daß Walrad alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft hatte und kündigte an, nun auch ihr theil zu versuchen. In der Folge begann sie mit ihrem Bruder nach einer neuen mode zu leben, sprich, einen innerfamiliären Kleinkrieg zu eröffnen und ihm ihre Meinung auf teutsch zu sagen. Der Landgraf sah sich deswegen schon nach einigen Tagen veranlaßt, durch seinen Hofrichter Gottfried von Wallenstein anzufragen, warumb sie so unfriedlich gegen ihn und seine gemahlin sey. Zu ihrer Genugtuung wuchs am landgräflichen Hofe auch die Zahl ihrer Sympathisanten. Schließlich zeigte der psychologische Druck Wirkung. Wilhelm entsandte im September 1662 zwei Kundschafter nach Usingen, um sich ein genaues Bild von den dortigen Verhältnissen zu verschaffen, und gab im  Juni 1663 seine Zustimmung zur Verlobung.

In die schönen Träume des Brautpaares platzte aber schon vier Wochen später die Nachricht vom plötzlichen Ableben Wilhelms. Walrad mußte seine Heiratspläne wegen des Trauerjahres aufschieben. Das Weihnachtsfest 1663 führte die Brautleute wieder zusammen, doch verlief der Aufenthalt in Kassel ganz anders als es sich Walrad vorgestellt hatte, denn er holte sich einen korb. Einzelheiten gibt Walrad nicht preis, doch steht fest, daß er vom 17. bis 31. Dezember 1663 in Kassel weilte und gedachte, dabei auch den Heiratsvertrag auszuhandeln. Offenbar war aber seine wirtschaftliche Lage so desolat, daß es zu einem Abschluß nicht kam. Wie wir aus Walrads Diensttagebuch dieser Zeit wissen, konnten seine Beamten Schröder und Schmidtborn bei den umliegenden Grafschaften nicht einmal mehr Kredite für das bevorstehende beylager auftreiben, was man ohne Zweifel auch am Kasseler Hof erfahren hatte. Einziger Trost Walrads war, daß ihm Elisabeth auch in dieser Lage große Beweise ihrer ernsthaften und beständigen affection gab. Das strenge Urteil der Kasseler Kämmerer und Hofjuristen konnte das aber nicht beeinflussen.

Walrad und Elisabeth blieben in freundschaftlicher Verbindung. Walrad widmete sich ganz seiner Soldatenlaufbahn und befolgte unfreiwillig das, was ihm Regierungsrat von Dalwyk bei den Verhandlungen schon in Zweibrücken geraten hatte: Er solle lieber keine Familie gründen, da er wahrscheinlich wieder zur Armee gehen werde. Schon 1660 hatte Walrad selbst seinem Bruder Johann Ludwig anvertraut: Geht das da [in Kassel] nicht ahn, so werde ich wieder ein  krieger.  An Heirat sollte der Usinger Graf erst fünfzehn Jahre später wieder denken.

Elisabeth blieb ledig und starb 1688 als Äbtissin im kayserl. freyen weltlichen stifft zu Hervordt.

 

Der erste Feldzug gegen die Türken

Walrad kam am 31. Dezember 1663 aus der nordhessischen Residenzstadt zurück und lud schon am nächsten Tag, dem 1.Januar 1664, seine Brüder Gustav Adolph und Johann Ludwig  zu einer Hauskonferenz nach Idstein, der Residenz ihres Onkels Johannes, ein. Er habe seine vorgewesene heiratssache in Kassel in solchem stand gelassen, daß seine Gedanken jetzt frei seien für andere ihm wichtige Vorhaben. Insbesondere plane er wegen der nassauischen Restitutionssache eine Reise zum Reichstag nach Regensburg.

Voller Tatendurst betrieb Walrad gleichzeitig auch seine Bewerbung um das Kommando über das Reiterkontingent des oberrheinischen Creyses im Türkenkrieg. Seinen Wunsch hatte er schon im Herbst 1663 dem Pfalzgrafen Ludwig Heinrich von Simmern, dem zuständigen kreisausschreibenden Fürsten, unterbreitet. Dessen Stellvertreter, der Bischof von Worms, Johann Philipp von Schönborn, wurde darüber informiert und stimmte zu. Der Entscheidungsprozeß war aber unter den Bedingungen der Kleinstaaterei äußerst schwerfällig und dauerte bis zum 6. Mai 1664. Die Verhandlungen für Walrad führte Graf Joachim Hagenmeier, der Geschäftsführer des Wetterauischen Grafenverbandes. Walrad ergriff flankierende Maßnahmen, indem er wegen der erhaltung der obristenstell des regiments zu Pferd des oberrheinischen Creyses bereits im Herbst 1663 und dann noch einmal im Januar 1664 Bittbriefe an die verschiedenen Mitglieder seines Wehrkreises sandte. Unter den Adressaten befanden sich die Bischöfe in Basel und Speyer, der Abt von Fulda, die Grafen von Isenburg, Waldeck, Wittgenstein und Leiningen und schließlich auch die Stadtregierungen von Darmstadt, Frankfurt, Hanau, Worms und Straßburg. Ermutigend für ihn war gewiß, daß er in Usingen bei seiner Rückkehr von Kassel den zustimmenden Bescheid der Stadt Colmar vorfand.

Walrads Tage waren aber nicht nur mit Briefeschreiben ausgefüllt. Am 4. Januar 1664 ritt er für zwei Tage nach Braunfels und am 7. Januar 1664 überraschenderweise nach Siegen, willens nach Holland zu gehen, hatt aber underwegs sein vorhaben geändert und ist den 19ten dieses wieder anher kommen.

Walrad mußte einen wichtigen Grund gehabt haben, vor seiner oder gar statt seiner Reise nach Regensburg Holland aufzusuchen. Denkbar ist, daß er auch dort eine Offiziersstelle in Aussicht hatte, ihm diese Möglichkeit dann aber doch weniger erstrebenswert erschien.

Seine Reise nach Regensburg trat Walrad am 22. Januar 1664 an. Sie dauerte bis zum 5. Mai 1664, also länger als drei Monate, und scheint auch dem Wunsch entsprungen zu sein, von den Ereignissen in Kassel Abstand zu gewinnen.

In Usingen gingen die Vorbereitungen für den Feldzug inzwischen weiter. Seine Beamten entwarfen den Text für das Kommandeurs-Patent und ritten nach Frankfurt, um Silbergeschirr für eine standesgemäße Offiziersausstattung zu kaufen. Ende April begann die Suche nach einem velt-Prediger, denn die protestantischen Truppen hatten sich ausbedungen, eigene Geistliche mitzubringen zu dürfen. Viel Mühe kostete es, bei der Frankfurter Apotheke „Zum Güldenen Engel“ einen velt-kasten, also einen Sanitätswagen, einschließlich Arzneien zu besorgen. Er wurde aber nicht für Walrad benötigt, sondern für seinen Cousin Gustav Adolph, der das Kommando über die marchierenden Völcker, also die Fußtruppen des oberrheinischen Kreises, erhalten hatte.

Walrad kam am 5. Mai 1664 aus Regensburg zurück und begab sich nur zwei Tage später schon wieder auf Reisen in die umliegenden Städte und Grafschaften. Vom 7. bis 11. Mai besuchte er Weilburg, vom 12. bis 15. Mai Frankfurt und Hanau und vom 31.Mai bis 3.Juni erneut Frankfurt und Mainz. Am 4. Juni ritt er für einen Tag nach Idstein, bevor er am 8. Juni nach Frankfurt zur Musterung seiner Reitertruppe ging. Parallel dazu erreichte die Korrespondenz seiner Kanzlei beachtliche Ausmaße. Im Monat Mai beanspruchte die Registrierung der Post elf engbeschriebene Seiten des Diensttagebuches, während die anderen Monate mit jeweils knapp fünf auskamen. Der damals für Walrad wichtigste Brief traf am 15. Mai 1664 ein und enthielt das patent, das ihn zum obristen der cavallerie declarierte. Auch die übrige Post betraf fast nur noch den bevorstehenden Feldzug. Die einzelnen Bezirke meldeten die Bereitschaft ihrer Kontingente, Walrad stellte officiers ein und entschied sich für den stud. theol. Johannes Stark aus Gießen als velt-Prediger, dem aber noch die Approbation fehlte, was weiteren Schriftverkehr verursachte. Aus Caßel empfahl die verwitibte Frau Landgräfin einen Trompeter, der Walrads bisherigen, vor einem Jahr im Alter von nur 29 Jahren verstorbenen Signalbläser Hans Caspar Metzinger, ersetzen könne. Bei aller Betriebsamkeit nahm sich Walrad noch drei Tage lang Zeit, seiner Regierung Instruktionen für seine Abwesenheit zu geben. Schließlich erneuerte und verbesserte er noch die Bestallungen Schröders und Schmidtborns, seiner beiden Vertrauensleute in Usingen.

Zum Ärger Walrads mußte das rendevous der Truppe in Frankfurt um drei Tage auf den 13. Juni verschoben werden, da in der Kreiskasse kein Geld war. Am 13.Juni 1664 konnte Walrad in Frankfurt endlich die Musterung seiner Reitertruppe vornehmen. Die nötigsten Mittel hatte man durch eine Anleihe auf den Namen des Kurfürsten von Mainz, Johann Philipp von Schönborn, beschafft.

Angetreten waren 298 Mann zu Pferd. Über die Qualität dieser Mannschaft darf man sich keiner Illusion hingeben. Viele von ihnen hatten kaum Erfahrung  im Umgang mit Reittieren und waren oft nur vom Monatssold von 9 fl angelockt worden. Rat Schröder und Rentmeister Schmidtborn waren ebenfalls zum Termin in Frankfurt befohlen worden. Schröder notierte am 14. Juni in sein Diensttagebuch: Ist das rendevous meines gnd. Herrn regiments zu Roß bei Ffurth gehalten worden, und Igd. darauf selbigen tags fortmarchiert, der Allerhöchste verleyhe zu all dero vorhaben glück und seinen göttlichen Segen und begleyte dieselben in guther gesundheit zu den ihrigen wieder zurück.

Walrad nahm auf Anweisung des Wehrkreises seinen Weg durch Böhmen. Das hatte logistische Gründe, denn in Süddeutschland waren nach dem Durchzug zahlreicher anderer Kontingente die Vorräte zur Truppenverpflegung aufgezehrt. Wien erreichte Walrad am 19. Juli 1664. Schon am nächsten Tag ging es weiter nach Ungarisch-Altenburg. In das eigentliche Kriegsgeschehen konnte er aber nicht mehr eingreifen, da die Türken schon am 22. Juli bei St. Gotthard an der Raab zurückgeworfen worden waren. Vermutlich war Walrad dem Corps des Prinzen von Württemberg zugeteilt und nahm an der Verfolgung der Türken teil. Ein Brief vom 15. September aus Tyrnau zeigt, daß er sich im Umfeld des Heerführers Montecuculi befand, doch der für den 1. Oktober geplante neue Angriff fand nicht mehr statt, denn inzwischen hatte man sich auf diplomatischem Weg auf den Frieden von Vasvar geeinigt.

Mißlich war für die Reiterei und Infanterie des oberrheinischen Kreises das Ausbleiben jeglichen Soldes aus Frankfurt. Einige Angehörige der Fußtruppe berichteten, daß kein anderer Wehrkreis seine Soldaten so stiefmütterlich behandelt hat wie der oberrheinische. In dem erwähnten Brief aus Tyrnau vom 15. September 1664 beklagte sich Walrad bei dem Vorsitzenden des Wehrkreises, dem Pfalzgrafen von Simmern, über die Notlage. Seine Reiter hätten oft kein Geld, um ihre Pferde beschlagen zu lassen, so daß diese eingingen. Kranken Soldaten fehlte das Geld, um sich ein Tränklein zu kaufen und müßten nicht selten wie die Hundt sterben. Für Walrad war es unter diesen Umständen besonders schwer, Ordnung und Disziplin aufrecht zu halten. Als einer seiner Korporale, Martin Koffalick aus Pr. Fischhausen, beobachtete, wie kaiserliche Dragoner ein Kloster plünderten, nahm er auch einige Kirchengeräte an sich. Walrad verurteilte ihn unerbittlich zum Tode.

Die Rückführung seiner Truppe nach Frankfurt war ihm nur mit einem bei dem Herzog von Coburg auf „Kavaliersehre“ aufgenommenen Kredit von 6000 fl möglich.

Als Walrad seine Abteilung in Frankfurt auflöste, waren die Kassen des Wehrkreises immer noch leer. Jeder Soldat mußte künftig selbst versuchen, seinen Sold zu bekommen. Auch Walrad verbrachte das ganze Jahr 1665 mit fruchtlosen Eingaben und erhielt am 8. Dezember 1665 gerade einmal einen Abschlag von 500 fl auf seine Forderung von 6.558 fl. Finanziell war der Feldzug für den Usinger Grafen ein Fehlschlag. Von Nutzen waren aber die gewonnene Erfahrung, die geknüpften Kontakte und das Ansehen, das er sich als tüchtiger Offizier erworben hatte

Der Feldzug ließ Walrad am eigenen Leib spüren, wie schwerfällig die gültige Wehrordnung arbeitete. Die Versammlung der Fürsten und Städte im Wehrkreis, der "Kreistag", verteilte die Zahl der zu stellenden Krieger auf die einzelnen Kreisstände, und diese legten es dann oft wieder den einzelnen Gemeinden auf, einen oder mehrere Soldaten anzuwerben. All das führte zu Verzögerungen bei der Mobilmachung, die im Türkenkrieg nur deshalb keine Folgen hatten, weil sich einige größere Staaten unabhängig von ihren Wehrkreisen zur Rheinischen Allianz zusammengeschlossen hatten und bereits 1663 zur Stelle waren, als die Türken vorrückten. Walrad gehörte in der Folge zu denen, die für eine Reform der Wehrordnung eintraten.

 

Wie man ein Land aus der Ferne regiert

Walrad befand sich ab 1664 meist bei der Armee. Dennoch vernachlässigte er die Regierung seines Landes nicht. Unentbehrliche Helfer waren dabei seine beiden Spitzenbeamten, Rat Schröder und Rentmeister Schmidtborn. Jedes Lob für sie gilt mittelbar auch für Walrad, denn nur ein fähiger Regent ist in der Lage, tüchtige Beamte auszuwählen und langfristig an sich zu binden.

Auf sich alleine gestellt waren Schröder und Schmidtborn erstmals 1664, als Walrad gegen die Türken zog. Allerdings hatte er sie vor seinem Abmarsch gründlich instruiert. Unvorhergesehenes sollte in Ottweiler zur Entscheidung vorgelegt werden, was Rat Schröder auch tat, als er am 27. Juni dorthin reiste. Im übrigen verließ sich Walrad auf die Postverbindungen. Seine Beamten hielten ihn brieflich auf dem Laufenden und bekamen von ihm stets klare, oft ins Kleinste gehende Anweisungen. Poststation war Friedberg. Ein großer Teil dieses Briefwechsels blieb erhalten und gewährt in Verbindung mit dem Diensttagebuch Schröders (1662-1664) guten Einblick in Walrads Regierungshandeln über vierzig Jahre.

Nicht immer konnten aber Walrads Anweisungen abgewartet werden. Dann kam es darauf an, seine mutmaßliche Einstellung zu erahnen und danach zu handeln. Proben dafür legten Schmidtborn und Schröder immer wieder ab, wie einige Beispiele zeigen.

Als sich 1672 während des zweiten Raubkrieges eine 300 Mann starke Naumburger Einheit auf dem Weg nach Wiesbaden Steinfischbach näherte, verlegte er unverzüglich zwei Kompanien „Ausschuß“, eine Art Bürgerwehr des Usinger Landes, dorthin, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Jahr darauf erntete Schmidtborn das Lob seines Herrn, weil er gegen eine Diskretion von 1000 fl die Einquartierung von Truppen verhindert hat. Walrad hat sich darüber besonders gefreut, weil seine eigenen Versuche, aus der Ferne Einquartierungen abzuwehren, leider gar schlecht respectirt wurden.

So ging es ihm auch fünf Jahre später (1677), als er erfahren mußte, daß der Münsteraner Generalkriegskommissar Hammer trotz schriftlicher Zusage und Entgegennahme einer Verehrung (Anerkennungsgeld) zwei Compagnien zu Pferd in sein Land gelegt hatte. Seinen Untertanen riet er, ihre besten sachen unterderhand in salvo zu bringen.

Wie richtig dieser Rat war, zeigte sich beim Abzug der Münsteraner im Mai. Sie verlangten Marschverpflegung und 600 Reichstaler Reisegeld. Um ihrem Wunsche Nachdruck zu verleihen, beschlagnahmten sie in Eschbach 300 Stück Vieh und trieben es in Richtung Weilmünster. Amtmann Schmidtborn war aber nicht der Schröckling, der sich durch diese übertürkische Maßnahme einschüchtern ließ und trommelte aus der ganzen Grafschaft 400 kräftige Männer (den „Ausschuß“) zusammen. Mit diesen besetzte er den Paß bei Heinzenberg und zwang die Soldaten sowohl die für den Vorspann requirierten Zugtiere als auch die schon in Weilmünster befindliche Herde der 300 Eschbacher Tiere herauszugeben.

Schmidtborn erwies sich mit diesem Handstreich als seinem Herrn kongenial. Walrad hätte nicht anders gehandelt. Offenbar war nach siebzehn Usinger Dienstjahren etwas von dessen Eigenschaften auf ihn übergegangen.

 

Stockheimer Verdrießlichkeiten

Als sich Walrad 1664 an der „Ostfront“ befand, teilte ihm Schmidtborn brieflich mit, daß sich die Stockheimer Untertanen bei der Steuerschätzung und den Türkengeldern widerspenstig zeigten. Vermutlich verstanden sie es vortrefflich, ihre beiden Herren gegeneinander auszuspielen. 1666, als sich Walrad in braunschweigischen Diensten befand, fingen sie wiederumb ahn, den Weg nach Heydelberg zu suchen, um beim dortigen Gericht Entlastung zu erwirken. Ihr bauwern commissarius war ein gewisser Ercker, begleitet von Johann Ludwig Böhmer aus Merzhausen, der später in Westerfeld wohnte. Als sich die Stockheimer Gerichtspersonen 1668 vermutlich nach einer weiteren Reise nach Heidelberg wieder in ihren Häusern eingefunden hatten, wurden sie verhaftet und bestraft. Reumütige konnten mit Milde rechnen. Ungebeugt berichtete aber Ercker, daß der Kriegsrat in seiner Anwesenheit die Entsendung von 24 Soldaten ins Stockheimer Gericht beschlossen habe.

Im September 1667 erfuhr Walrad von seiner Usinger Kanzlei, daß der Freiherr zu Reiffenberg gefenglich nach Aschaffenburg geführt wurde und gibt Anweisung, ihn über die weitere Entwicklung zu informieren. Als der Domherr aus undurchsichtigen Gründen seiner Lehen verlustig erklärt wurde, erwarb Walrad den reiffenbergischen Anteil am Stockheimer Gericht für 15 000 Gulden.

Offensichtlich waren bei der Eigentumsüberführung noch Fragen offen geblieben, denn die Stockheimer verdrießlichkeiten hörten nicht auf. Walrad mußte daher 1674, während des zweiten französischen Raub- oder Reunionskrieges (1672-78), anordnen, Übergriffe „des Reiffenbergers“ notfalls mit Gewalt, einschließlich des Totschießens, abzuwehren. Auf die Lösung  einiger streitigkeiten hoffte 1677 dann recht zynisch Schmidborn, da er gehört hätte, daß der gefangene  Reiffenberger todkrank sei. Um diese Streitigkeiten dürfte es sich auch gehandelt haben, als Schmidtborn 1676 mit dem Herrn von Breidenbach über den Verkauf der Reiffenbergischen Güter verhandelte. Im Hintergrund der Unruhen dürfen wir Kurmainz vermuten, denn 1678 wollte es 1000 Soldaten aufbieten, um die Weide- und Köhlerrechte der Reiffenberger zu schützen. Dagegen wirkt die Streitmacht Walrads in Usingen mit neun Soldaten winzig. Dennoch schlug Schmidtborn am 1. Mai 1678 vor, ihre geplante Entlassung zu vertagen, bis die unruhigen Stockheimer Untertanen wieder zum Gehorsam gebracht wurden. Man werde schon heute sehen, ob sie sich mit dem Monatsgeld einstellten. Wenn nicht, müsse sofort die execution in die hand genommen werden. Schon vier Tage später berichtete er seinem Herrn, daß sich die Stockheimer abermals uf die hinterfüß gesetzet und in Heidelberg falsche klagen über zu hohe Frondienste und Geldabgaben eingereicht hätten. Als die Dorfschaften Mitte Mai 1678 einzeln einbestellt wurden, um die Rädelsführer festzustellen, wollte keiner etwas von der Klage in Heidelberg gewußt haben. Die Untersuchung verlief im Sande. Das darüber geführte Protokoll umfaßte zwei Bücher und war zu unhandlich für den Versand ins Militärlager zu Walrad.

Dem Briefwechsel Walrads mit seinen Regierungsbeamten können wir entnehmen, daß die Beschwerden der Stockheimer Untertanen wahrscheinlich begründet waren. Rentmeister Schmidtborn und Rat Schröder sahen sich 1673 veranlaßt, ihrem Herrn eine Denkschrift über die Höhe des Dienstgeldes zu senden. Viele Untertanen könnten nicht zahlen und kehren dem Lande den Rücken. Walrad stimmte in einem Brief vom 23. 2. 1673 der Ermäßigung des Dienstgeldes zu, wo nicht  Faulheit der Grund der Armut sei.

 

Die Fortsetzung der militärischen Laufbahn

Mit seinem Entschluß, wieder ein krieger zu werden, nahm Walrad die soldatische Tradition seiner Familie auf. Zwar überwogen dort die Verdienste des ottonischen Zweiges, doch auch die walramische Seite konnte mit König Adolf einen großen Namen vorweisen. Hinzu kam noch Walrads Großvater mütterlicherseits, der Markgraf Georg Friedrich von Baden, der sich im Dreißigjährigen Krieg bewährt hatte und in einem dreibändigen Werk, das vermutlich auch Walrad kannte, seine militärischen Erlebnisse und Ansichten aufschrieb.

Zu den weiteren Motiven für Walrads militärischen Einsatz gehörte auch eine Portion Patriotismus. Man kann dies leicht in seiner Korrespondenz und in seinen Testamenten nachweisen. Seine männlichen Nachkommen sollten so erzogen werden, darmit sie hiernechst dem vatterland … nützlich dienen könnten und sie sollten ahngehalten werden, zuforderst dem Kayser unnd dem reich zu dienen.. Von seinem Sohne erwartet er bei Regierungsantritt ggf. den Kriegsdienst nicht zu quittieren, sondern zu prosequieren, solange er dazu körperlich in der Lage sei.

Hinter diesem Bekenntnis zu Kaiser und Reich standen allerdings nicht nur irrationale Emotionen, sondern auch ein gutes Stück Wirklichkeitssinn, der sich aus der Struktur des Reiches ergab. Die kleinen Territorien wären zwischen den großen Fürstentümern zerrieben worden, wenn ihnen die Verfassung des Reiches nicht das gleiche Lebensrecht zugesichert hätte wie diesen. Die kleinen Staaten mussten sich daher um ein gutes Verhältnis zu Kaiser und Reich bemühen, wollten sie diesen Schutz nicht verlieren. Der Kaiser forderte freilich als Gegenleistung Geld und Truppen.

Walrads wichtigste Überlegung, ein krieger zu werden,  dürfte aber wirtschaftlicher Natur gewesen sein. Die Finanzierung einer selbst bescheidenen Hofhaltung in Usingen erforderte Nebeneinkünfte. Walrad mußte als Soldat in fremde Dienste treten. Zynisch kann man sagen, Walrad hatte Glück, denn die von ihm angebotene Dienstleistung als Truppenführer wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts besonders stark nachgefragt. Im Südosten drohten die aggressiven Türken und im Westen das expansionslüsterne Frankreich. Walrads Hauptbetätigungsfeld lag im Westen, auch wenn er 1683 noch einmal bei der Entsetzung Wiens gegen die Türken focht. Im Westen war er direkt oder indirekt an allen drei von Frankreich angezettelten Raub- oder Reunionskriegen und 1702 schließlich noch am Spanischen Erbfolgekrieg beteiligt. Insgesamt machte er in den 38 Jahren seiner militärischen Laufbahn 17 große Schlachten und 27 Belagerungen mit und brachte es zu den höchsten militärischen Würden. Diese Laufbahn hatte sich schon 1657 angedeutet, als ihn sein Vormund Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach, an seine bey der armee durch ewer dapferes verhalten erlangte gutte renommee erinnerte.

Zwischen den militärischen Unternehmungen diente das Usinger Land Walrad als Rückzugs- und Ruheraum. Im Bedarfsfall konnte er von hier auch Personal oder sonstige Unterstützung anfordern.

Davon scheint er besonders in den ersten beiden Reunionskriegen Gebrauch gemacht zu haben, solange sein Versorgungsnetz in Holland noch nicht engmaschig genug ausgebaut war.

 

Der erste Raub- oder Reunionskrieg

Seinen ersten „Dienstleistungsvertrag“ schloß Walrad am 1. November 1665 mit dem protestantischen Bischof Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Dieser rüstete auf, um der Annexion der spanischen Niederlande durch Frankreich vorzubeugen. Gleichzeitig geriet er damit in Gegensatz zum Bischof von Münster, der wegen eigener Sonderziele Parteigänger der Franzosen war. Walrad übernahm im Range eines Obersts die Führung eines Reiterregiments. Außerdem verpflichtete er sich, binnen sechs Wochen Mannschaften in Regimentsstärke zu werben und auszurüsten. Für die Werbung erhielt er 21.926 Reichstaler und meldete schon Ende November Vollzug, ja kündigte schon den baldigen Abmarsch aus Usingen an. Etwas rätselhaft ist eine Nachricht Rentmeister Schmidtborns, der vier Wochen später seinem Herrn schreibt: Mit hiesiger compagnie will es nit recht von statten gehen, denn was heut geworben, solches gehet morgen wieder fort.. Vielleicht bezieht sich diese Mitteilung aber auf die 30 Infanteristen, die Leutnant Georg Friedrich Schreck aus Wertheim als Subunternehmer Walrads frei Usingen anwerben sollte. Die Aufstellung und Ausrüstung dieser Abeilungen brachte ohne Zweifel Kaufkraft in das Usinger Land, zeigte aber auch dessen Grenzen auf, denn als sich Walrad für Mai 1666 zu einem Besuch in Usingen anmeldete, gab Schmidtborn zu bedenken, daß das Futter für die Pferde knapp werden dürfte, weil alles bei der werbung ufgegangen sei.

Walrad hielt sich in den Jahren 1666 und 1667 in Lüneburg und Umgebung auf, stand aber bei Beginn des 1. Reunionskrieges schon in niederländischen Diensten. Das Leben in der Etappe gab ihm Zeit zum Studium, so daß er sich seine zu Hauß gelassene füsicq (Physiklehrbuch) nachsenden ließ. Dem Amtsvogt in seinem Logie-Ort (Lüneburg) wollte er mit einer neuen, in Braunfels Anfang Januar 1667 bestellten  Büchs imponieren. Um die Jahreswende 1666/1667 litt Walrad an einer schweren Schwachheit, die ihn ein großes und merkliches gekostet hatte, so daß er seine Beamten in Usingen beauftragen mußte, einen Kredit zu beschaffen.

Walrad verliert nie seine Usinger Regierungsaufgaben aus dem Auge. Er erlaubt den Bürgern seiner Residenzstadt, ihr Wachtgeld für die Mauerreparatur zu verwenden und genehmigt die Fällung von 30-40 Baumstämmen für ein neues (zweites!) Pfarrhaus. Im August 1667 gibt er Anweisungen über des Wildes Heegung, damit wir auch dermaleins bey unserer gel. Gott glücklicher Wiederankunft noch einige recreationen haben und uns delectieren mögen. Walrad „hegte“ den Wald nicht nur der Jagd wegen, sondern hatte ihn auch als wichtigen Wirtschaftsfaktor erkannt, wie seine im Mai 1669 erlassene sehr ausführliche Waldordnung zeigt.

Tiefe Genugtuung erfüllte die fünf Grafen von Nassau-Saarbrücken 1670, als ihre Bemühungen um die Restitution Saarwerdens endlich belohnt wurden. Am 11.Oktober erschienen sie dort vollzählig und zelebrierten die Besitznahme durch feierlichen Umritt, Verlesen des Restitutionsvertrages und Aufstellen neuer Zollstöcke. Zwei Tage später versammelten sich befehlsgemäß alle Untertanen in der Ortschaft  St. Lorentzen, um vom Eid auf den früheren Landesherrn entbunden zu werden und den Grafen von Nassau mit Eid und Handschlag zu huldigen. Nach reichlichem Umtrunk kehrten alle fröhlicher Stimmung nach Hause zurück.

 

Der zweite Raub- oder Reunionskrieg

Der 1. Reunionskrieg wurde am 2. Mai 1668 mit dem Frieden von Aachen beendet. Ludwig XIV. erhielt zwölf niederländische Grenzstädte. Er war damit aber nicht zufrieden und zettelte 1672 den zweiten Reunionskrieg an. Walrad stand Anfang 1671 ganz in holländischen Diensten und wurde in der niederländischen Offiziersliste als Oberst eines Husarenregiments geführt. Seine erste Aufgabe bestand wieder im Anwerben einer Kompanie, mit der er im Frühjahr 1671 in Richtung Westen marschierte. Im Dezember 1671 stand er in Wesel am Rhein. Gerne hätte er seine Truppe noch um 30 Mann verstärkt, doch Amtmann Schmidtborn konnte ihm nur 17 nach Köln schicken. Walrad legte auch Wert auf das äußere Erscheinungsbild seiner Truppe. Vom Stücker in Gambach bestellte er Paukenfahnen, die sein in Gold und Silber gesticktes Wappen mit den sieben Helmen zeigen mußten. Auch die Pferdedecken vom Seydenstücker in Gambach sollen schnellstens nach Wesel geschickt werden; ebenso die aus Nürnberg bestellte Pauke. Als Ende Dezember 1671 Walrads Leibkompanie vor dem Prinzen Wilhelm III. von Oranien paradierte, sagte dieser, er habe sein Lebtag keine schönere Comgagnie gesehen. Der Prinz dürfte sich daran noch erinnert haben, als er acht Wochen später, am 25. 2 1672, zum Generalkapitän der Niederlande gewählt wurde. Er löste den holländischen Ratspensionär Jan de Witt ab, mit dessen Verteidigungsmaßnahmen man allgemein unzufrieden war. Unter dem Kampfruf „Holland in Not“ wehrte Wilhelm III. die Franzosen ab und wurde am 8. Juli 1672 zum Statthalter auf Lebenszeit ernannt.

Walrad war am 2. April 1672 zum Generalleutnant der Kavallerie aufgestiegen. Sein Monatsgehalt betrug 500 Gulden und verdoppelte sich bei Fronteinsatz. Die Ernennungsurkunde hebt Walrads Tapferkeit und die Einhaltung strengster Kriegsdisziplin hervor. Ein weiteres Jahr später wurde Walrad auf Vorschlag Wilhelms zum General über alle Kavallerie der Niederlande befördert. Das Verhältnis Walrads zu Wilhelm III. wurde immer enger. Beide stammten ja aus dem Hause Nassau, Wilhelm von der ottonischen Linie, Walrad aus der walramischen.

Walrad stand zu dieser Zeit in Breda und befand sich 1674 in Den Haag. Er benötigte Pferde und Pferdeknechte. Daher befahl er dem Usinger Juden und Pferdehändler Löw, unverzüglich mit dem Postwagen von Friedberg nach Hamburg zu reisen, wo ihn Rittmeister Escher im Kontor des Königlich-Dänisch-Holsteinischen Faktors Egidius Hening erwarten würde, um mit ihm Pferde zu kaufen. Wegen der Pferdeknechte wandte er sich an seine Beamten in Usingen. Sie sollten einige anheuern, die allbereits mit den pferden ein wenig umzugehen wißen und fahren können. Schon am 16. Mai 1673 war Walrads Feldprediger Conrad Leonhard in Usingen gestorben. Walrad suchte seither einen Ersatz, der gute gaben zu predigen und keinen gefallen in disputieren haben sollte. Seine Beamten in Usingen schlugen ihm am 30. März 1674 den jungen Theologen Conrad Filgus, Sohn des Pfarrers zu Münzenberg, vor. Filgus traf  am 31. Mai 1674 im Quartier Walrads in Ballert bei Antwerpen ein. Er begleitete Walrad bis 1679 im Felde, war danach bis 1686 zweiter Pfarrer in Usingen und danach bis zu seinem Tode 1712 erster Pfarrer. Walrads Wunsch nach einem wenig diskutierfreudigen Prediger hatte sich aber nicht erfüllt, denn Filgus erwies sich als großer „Liebhaber des Wortes“, wie auch seine Einträge in die Usinger Kirchenbücher zeigen. Zu einem ernsten Konflikt mit seinem Herrn kam es 1680 durch eine etwas vorlaute Predigt über Unbarmherzigkeit und Tyrannei, die Walrad auf sich bezog. Die zunächst ausgesprochene Absetzung nahm Walrad aber wieder zurück.

Am 25. Juni 1674 klagte Walrad über hohe Ausgaben, weil er seine Offiziere ausrüsten und Pferde anschaffen mußte. Seine Usinger Beamten sollten ihm dafür einen Kredit von 1200 Gulden beschaffen.

Nur wenig später, am 11. August 1674, kämpften spanische und niederländische Truppen bei Senef (heute Seneffe) gegen die Franzosen. Die Schlacht verlief ungünstig, aber Walrad sorgte im letzten Augenblick für ein versöhnliches Ende. Er warf sich mit seiner Mannschaft den Anstürmenden im richtigen Moment entgegen und zwang sie zum Rückzug. Die Holländer behaupteten am Abend dank Walrads Kühnheit das Schlachtfeld.

Walrads Ansehen war so gestiegen, daß ihn Wilhelm III. am 22.10.1674 als Gouverneur über die strategisch wichtige Stadt und Festung Bergen op Zoom einsetzte. Im militärischen Bereich koordinierte er den Einsatz der verschiedenen Regimenter und war als Kavallerist vor allem für die Versorgung mehrerer tausend Pferde verantwortlich. Für Wilhelm III. fungierte er überhaupt wie ein Generalstabschef im übergeordneten Bereich.

Bei den Friedensverhandlungen 1678 in Nimwegen versuchten die Nassau-Saarbrückischen Grafen lange vergeblich ihre Restitutionsforderungen an den Herzog von Lothringen geltend zu machen. Ihr Senior, Walrads älterer Bruder Johann Ludwig von Ottweiler, wollte schon resignieren, als sich Walrad selbst einschaltete und den diplomatischen Erfolg sicherstellte. Seit dieser Zeit galt Walrad, wenn auch nicht dem Namen nach, so doch de facto als Leiter der Politik des Hauses Nassau-Saarbrücken.

Walrad wollte standesgemäß wohnen und erwarb 1676 in Den Haag ein herrschaftliches Haus für fast 24.000 Gulden. Wieder war Walrad bis an die Grenzen seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gegangen, denn in Usingen hing gleichzeitig auch der zweite Umbau des Schlosses fast vollständig von seinen Zahlungen ab. 1701 war die Immobilie in Den Haag nicht mehr zu halten und wurde für 22.000 Gulden abgestoßen. Sie bildete am 26. Juni 1678 aber immerhin den Rahmen für seine Vermählung mit der blutjungen katholischen Prinzessin Catharina Franziska Isabella Maria zu Croy-Roeulx. Aus der Verbindung gingen fünf Kinder hervor, von denen zwei Töchter und ein Sohn das Erwachsenenalter erreichten. Fünfzehn Jahre nach seiner Entlobung mit Prinzessin Elisabeth hatte Walrad damit die Sorgen seines Amtmannes Schmidtborn beendet. Dieser hatte seinem Herrn schon 1671 anläßlich gewisser Reparaturarbeiten im frawenzimmer des Usinger Schlosses einen Wink gegeben: Gott verleyhe nur, daß es bald ein rechtes frawenzimmer in der that und wahrhaftig genannt werde.

Nach dem Frieden von Nimwegen (11.8.1678) sorgte Walrad noch für die Entlassung und Neuformierung der Truppen. Wohl aus Versorgungsgründen wurde ihm das Kommando über die Kompanie des verstorbenen Hauptmanns de Brauw übertragen. An seiner Stellung als Gouverneur von Bergen op Zoom änderte sich nichts. Gut situiert begab er sich mit seiner jungen Frau nach Usingen und blieb, abgesehen von einer Unterbrechung Anfang 1680, bis Anfang 1682 dort.

Walrad richtete in dieser Zeit in Usingen die spätere Amts-Apotheke ein, nachdem frühere Versuche gescheitert waren. Der „Provisor“ hieß Philipp Viselius und kam aus Butzbach. Vertraglich sicherte man ihm den Tisch bei Unserem Hoff und in der Stadt nöthige Bettung zu, ferner Korn, Holz und Kohlen. Aus den Lust- und Küchengärten des Schlosses standen ihm die nötigen Roossen und Kräuter unentgeltlich zur Verfügung. Zur Frankfurter Messe durfte er mit einem herrschaftlichen Pferd reiten, um Einkäufe zu tätigen.

Aus dieser Zeit gibt es auch Erkenntnisse über Walrads Hofstaat. Burggraf  Reußert und Braumeister Birkenfeld waren im November 1681 in den Verdacht der Untreue geraten. Den Verhören mußten sich

43 Domestiquen unterziehen. Der Kammerdiener Schumann beklagte die schlechte Qualität des Bieres, so daß er bisweilen in die Stadt gehen mußte, um mit den Pagen zur erhaltung der Gesundheit ein Glas Wein zu trinken. Der Braumeister führte an, daß er im laufenden Jahr noch kein Kostgeld und keine Zahlung der Bestallung erhalten habe. Zum Personal am Hofe Walrads gehörten somit Pagen, Kammerdiener und mindestens 43 einfache Bedienstete. Zählt man das Büropersonal und andere qualifizierte Beamte wie den Hofmeister hinzu, dürfte der Personalstand etwa 70 gewesen sein, deren Löhne offenbar aber unregelmäßig gezahlt wurden.

 

Der zweite Türkenfeldzug

Als die Türken 1683 wieder im Südosten vorrückten, schloß sich Walrad wieder dem Reichsheere an und eilte vor Wien. Nach der Befreiung der Kaiserstadt am 12. September 1683 verlieh ihm König Johann Sobieski die höchste polnische Auszeichnung, den weißen Adlerorden.

Walrad muß bald wieder nach Holland zurückgekehrt sein, da ihm Wilhem III. ab 1. Januar 1684 zusätzlich das Amt des Gouverneurs von Herzogenbosch übertrug.  Dort erblickte am 2. Mai 1684 auch sein Sohn und Nachfolger Wilhelm Heinrich das Licht der Welt. Wahrscheinlich verlebte Walrad damals die glücklichsten Jahre seines Lebens. Dem Soldatenruhm hatte sich familiäres Glück beigesellt.

Wie meist, kehrte er im Herbst wieder für einige Wochen nach Usingen zurück. Ein Brief Schmidtborns vom 25.Oktober 1684 gewährt Einblick in die Hofhaltung Walrads. Zunächst betont Schmidtborn die Vorfreude der Usinger Bediensteten über die baldige Ankunft ihres Herrn, was durchaus ehrlich gewesen sein kann, denn man war neugierig auf die Landesmutter, auf den neugeborenen Prinzen und die Prinzessin, erwartete Abwechslung durch den Strom fremder Besucher bei Walrad und erhoffte sich ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus Walrads Begleiterschar. Bedenken gab es wegen des Pferdefutters, weniger wegen der von Walrad angekündigten fünfzehn eigenen Pferde, sondern wegen der Reit- und Zugtiere der zahlreich erwarteten Besucher. Für die Tafel sei vorgesorgt mit 20 bis 30 gemästeten Schweinen im Eschbacher Branntweinhaus, mit genügend Federvieh auf den höfen und mit ausreichend Gemüse aus dem Herren-Küchengarten. An Bier waren schon 6 Fuder eingekellert, an Wein sollten demnächst 3 Fuder eintreffen, und zwar 2 Ohm Rüdesheimer Zehntgewächs vom Vorjahr,

4 Ohm von heuer und 1 Fuder gemeiner Wein. Offen sei noch, ob Walrad als mundtrunck Moßler gewächs wünsche. Walrad solle aus Herzogenbusch genügend Tischwäsche mitbringen, da solche in Usingen gänzlich fehle.

Bei der Geburt ihres fünften Kindes, der Tochter Albertine, am 8. Mai 1686 befand sich Walrads Gemahlin in Frankfurt. Leider verstarb sie zwölf Tage nach der Niederkunft. Walrad reiste unverzüglich dorthin und veranlaßte ein Erbbegräbnis in der Weißfrauenkirche, einer Kirche der französischen Lutheraner. Zu dieser Glaubensgemeinschaft scheint Walrad in Holland gestoßen zu sein. Zwei Jahre später, am 28. Juni 1688, heiratete er in zweiter Ehe die ebenfalls katholische und gleichfalls sehr junge Gräfin Magdalena Elisabeth von Löwenstein-Wertheim-Rochefort. Diese Ehe blieb kinderlos, scheint aber doch auf gegenseitiger Zuneigung gegründet gewesen zu sein, denn in seinem testamentum militare, das er am 20. März 1691 während der Entsetzung von Mons verfaßte, spricht er von der ihm zutragenden großen affection und Liebe seiner Gattin.

 

Die Erhebung in den Fürstenstand

Der Nassau-Saarbrückische Familienverband hatte am Kaiserhof schon 1653 die Erhebung in den Fürstenstand beantragt. Formell ging es nur um die Erneuerung der dem Hause Nassau schon 1366 von Kaiser Karl IV. zuerkannten Würde. Das Gesuch wurde mehrfach erfolglos wiederholt, so auch 1675 durch Walrad. Als sich Graf Georg August von Idstein 1685 der Sache erneut annahm, stellte sich 1688, also nach 35 Jahren, endlich ein Teilerfolg ein. Mit Urkunde Kaiser Leopolds I. vom 4. August 1688 wurde dem Hause Nassau-Saarbrücken der Fürstentitel zuerkannt, jedoch ohne Sitz und Stimme im Reichstag. Im Hintergrund ging es um die Balance zwischen Katholiken und Protestanten im Fürstenkollegium, und das entschiedene Eintreten der Nassau-Saarbrücker für die protestantische Sache im Dreißigjährigen Krieg war noch nicht vergessen. Es ging aber auch um die Balance zwischen den Fürstenhäusern, und da verfügten die nassau-ottonischen Linien bereits über zwei Stimmen im Reichstag!
Die Freude an der neuen Würde wurde weiter durch die extrem hohe Urkundentaxe von 21.465 Gulden getrübt. Man hatte mit etwa 6000 Gulden gerechnet und dafür das Kapital aus dem Rüdesheimer weinzehnten vorgesehen. Aber schon diese Summe schreckte die Grafen von Saarbrücken und Ottweiler ab und ließ sie vom Antrag zurücktreten. Auch Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg machte Vorbehalte, die ihm bei Bekanntwerden des Betrages erlaubten, zurückzutreten. Die Taxe musste daher von den Regierungen zu Idstein und Usingen alleine aufgebracht werden.

 

Walrads Testamente

Walrad errichtete insgesamt vier Testamente. Dazu kamen ein testamentum militare aus 1691 und ein Zusatz im Jahre 1700. Meist reagierte er damit auf die Veränderungen in seinen Familienverhältnissen.

Maßgebend war das letzte in Frankfurt am 27. Oktober 1694 errichtete Testament. Es war im Gegensatz zu den drei früheren das einzige in aller Form notariell beglaubigte. Es beginnt mit den Anweisungen für seine Beerdigung in der französischen reformierten Capelle zu Frankfurt, wo 1686 bereits seine erste Gemahlin beigesetzt worden war. Die Zeremonie sollte mit den allergeringsten Kosten und ohne Incommodierung seines Sohnes durchgeführt werden. Aus Sorge um die Zerstückelung des Landes bekennt sich Walrad zum Grundsatz der Primogenitur und beruft sich dabei auch auf den Teilungsvertrag von 1659 für alle nassau-saarbrückischen Länder. Seinen Sohn setzt er zum Universalerben ein und regelt die Aussteuer bzw. Versorgung seiner beiden Töchter.

Sollte sein Sohn beim Tode des Vaters noch unmündig sein, bestimmt Walrad seine zweite Gemahlin Magdalena Elisabeth zur Vormünderin, aber auch  zur und Regentin des Landes. Bei den Regierungsgeschäften nimmt er die Religions- und Konsistorialsachen aus, denn Magdalena Elisabeth war ja dem katholischen Glauben zugethan. Die freie Religionsausübung einschließlich eines von seinen Erben besoldeten katholischen Priesters wird ihr, wie im Heiratsvertrag von 1688 geregelt, erneut zugesichert. Die Vormundschaft soll sie aber verlieren, wenn sie sich im Lande zum Nachteil der evangelischen Religion betätigt. Für diesen Fall bittet Walrad seinen Vetter Georg August von Idstein um Übernahme der Vormundschaft. Ersatzmann für diesen sollte Graf Ludwig Kraft von Saarbrücken sein und Vermittler bei allen eventuell auftretenden Meinungsverschiedenheiten Herzog Friedrich von Sachsen. Jedem der Genannten legte Walrad einzeln die Bewahrung der evangelischen Religion Augsburgischen Bekenntnisses nachdrücklich ans Herz. Das scheint etwas übertrieben, sollte aber wie die Festlegung auf die Primogenitur einer weiteren Zersplitterung der nassau-saarbrückischen Länder vorbeugen. Vernachlässigung der Religion wäre auch gegen das Vätererbe gewesen, nachdem die Grafen von Nassau-Saarbrücken während des Dreißigjährigen Krieges für ihr evangelisches Bekenntnis genug gelitten hatten.

Folgerichtig will Walrad auch die Erziehung seiner Kinder nur in die Hände qualifizierter, der augsburgischen Confession zugethaner Leuthe legen. Beim Unterricht im Fechten, Tanzen, Mathematik und Fremdsprachen soll sein Sohn fleißig angewiesen werden, damit er dem Vaterlande und sich selbst um so nützlicher dienen und vorstehen könne. Den Kriegsdienst sollte er (dem Vater nacheifernd!) bei Regierungsantritt ggf. nicht quittieren, sondern solange es die Leibeskräfte zulassen, persequieren.

Dieses Testament änderte Walrad am 16. Juni 1700 bezüglich des Neuen Hofes, der in allen vier Testamenten seit 1681 immer den Gemahlinnen zu dero Wittumbs Unterhalt zugedacht war; so auch im Testament von 1694 der zweiten Gemahlin Walrads. Jetzt verfügte Walrad aber einen Tausch gegen den zunächst seinem Sohne Wilhelm Heinrich verschriebenen Stockheimer Hof. Der Grund war, daß Wilhelm Heinrich eine ziemliche inclination zu der Jagd an sich spühren ließ und der Hof besonders in der Hirschbrunft sehr wohl gelegen sei. So führte die Jagdleidenschaft Wilhelm Heinrichs letztlich zur 1706 erfolgten Gründung von Wilhelmsdorf.

Die früheren Testamente unterscheiden sich nicht grundsätzlich vom letzten. Für seine Beerdigung geht Walrad in den beiden ersten Testamenten allerdings noch von einem Grab in der Usinger Pfarrkirche oder in einer beim Schloß zu errichtenden Grabkapelle aus. Das änderte sich 1686 mit dem Tod seiner ersten Frau in Frankfurt. Mit gleichmäßigem Nachdruck besteht Walrad in allen vier Testamenten auf dem Grundsatz der Primogenitur. Anrührend ist im Testament von 1681 die Vorsorge für den erstgeborenen Sohn Heinrich (*1680). Man kann nur ahnen, welch herber Schicksalsschlag für ihn ein Jahr später der Tod dieses Kindes war. Damals schmiedete er auch noch Pläne für weitere Cadetten, wie er die erhofften weiteren Söhne nannte. Sie sollten die gleiche Erziehung genießen wie der Erstgeborene. Ihre Ausbildung zum Kriegsdienst für Kayser und Reich war für ihn selbstverständlich. Für die Finanzierung ihrer Ausbildung könne das Haus in Haag verkauft werden. Als 1684 sein Sohn Wilhelm Heinrich geboren wurde, galt seine ganze Fürsorge diesem. Im Testament von 1692 empfiehlt Walrad, ihn im Unterricht fleißig anzutreiben, und die Vormünder erhalten den testamentarischen Auftrag, ihm nichts wegen seiner Jugend nachzusehen (veniam aetatis). Auch eine Heirat vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahre sei abzulehnen, damit er sich auf Reisen desto qualifizierter machen könne. Walrad lässt aber als Ausnahmen unumgängliche Not oder eine für das fürstliche Haus besonders vorteilhafte Heirat gelten.

Mit der Versorgung seiner beiden Töchter befasst sich Walrad am ausführlichsten im Testament von 1692, was nach dem Tode ihrer Mutter 1686 nahe lag. Am kürzesten ist der entsprechende Abschnitt im ersten Testament von 1681, wo er lediglich auf die in unserem (saarbrückischen) Hause aufgerichteten Pacten hinweist.

Gleichmäßig stark betont Walrad in allen vier Testamenten die Bedeutung der religiösen Erziehung seiner Kinder und darüber hinaus auch die Bewahrung seines Landes bei der augburgischen Confession.

Im Laufe der Jahre gab es eine gewisse Fluktuation bei den von ihm seiner Witwe zur Seite gestellten Vormündern und Schiedsrichtern. Gerade bei den letzteren tauchen sehr prominente Namen, wie der des Erzbischofs Hugo von Trier, auf. Gedanken machte sich Walrad 1681 auch über die mögliche Reiselust der Witwen. Ihnen könne nicht verwehrt werden, sich außer Landes zu begeben und dabei auch die Kinder mitzunehmen, vorausgesetzt die Reisen seien kurz und die Kinder kehrten wieder zurück.

Im Testament von 1692 trägt Walrad seinen Erben auf, in Zukunft auch seine treuen Beamten zu schützen und nennt ausdrücklich seinen Rath und Ambtmann Georg Heinrich Schmidtborn, der ihm über dreißig Jahr treu und redlich gedient habe.

 

Die Heerfahrt nach England

Das Jahr 1688 hielt für Walrad eine besondere Aufgabe bereit. In England hatte nach dem Ableben König Karls II. dessen Bruder, der Katholik Jacob II, den Thron bestiegen. Auf diesen konnte aber auch Wilhelm III. von Oranien als Schwiegersohn Jacobs Rechte anmelden und wurde als Protestant von glaubensgleichen Kräften in England dazu ermutigt. Er entschloß er sich zu einer Heerfahrt über den Kanal, zumal mit Jacob auch ein Parteigänger des Franzosenkönigs ausgeschaltet werden konnte. Walrad begleitete den Oranier an der Spitze der niederländischen Reiterei. Im November 1688 stachen sie mit 50 Kriegs- und 200 Transportschiffen, die 16 Reiterregimenter und 14.000 Söldner an Bord hatten, in See. Walrads Schiff war in der Zugordnung das achte. König Jacob floh am 28. Dezember 1688, und Wilhelm III. wurde am 21. April 1689 gekrönt. Walrad führte die in England nicht mehr benötigte Reiterei auf den Kontinent zurück und erhielt am 15. Juli 1689 die Ernennung zum niederländischen Feldmarschall. Schon im April hatte er veranlaßt, daß seine drei Kinder nach Holland kommen.

 

Der dritte Raub- oder Reunionskrieg

Walrad war keine Ruhepause gegönnt, denn Ludwig XIV. hatte unterdessen den dritten Angriffskrieg gegen die Niederlande eröffnet (1688-1697). Die unter dem Oberbefehl des Feldmarschalls Georg Friedrich von Waldeck stehende niederländisch-englische Armee schlug die Franzosen bei Walcourt zurück, wobei sich Walrad wieder besonders hervortat. Auch Anfang Juli 1690 sorgte er für einen Lichtblick in der sonst unglücklich verlaufenen Schlacht bei Fleurus. Er erkannte bei den ungeordnet vorstürmenden Franzosen eine Schwachstelle und stieß mit seiner Reiterei hinein. Der Feind zog sich zurück und verlor mehrere Kanonen, Fahnen und eine Standarte. Walrad selbst erlitt eine Verwundung. Nicht zuletzt diese Schlacht bewog Kaiser Leopold I., ihn auch zum Feldmarschall der kaiserlichen Reiterei zu ernennen. Die entsprechende Urkunde trägt das Datum des 10. Oktobers 1690. Sechs Jahre später betraute ihn Wilhelm III. schließlich noch mit dem Oberbefehl über sämtliche niederländische Truppen.

Im Frühjahr 1691 brach Walrad zu einer zweiten Englandfahrt auf. Als König Wilhelm sah, daß er den Feind nicht zum Kampf stellen konnte, kehrte er nach Holland zurück. Walrad erhielt die Erlaubnis uff eine geringe Zeith hinaufzugehen. Er kündigte den Usingern daher Unsere Hinaufreiß schon für Oktober und nicht erst für November an.

Dieser Aufenthalt scheint Walrad nicht gut bekommen zu sein, denn am 13. März 1692 teilte er Amtmann Schmidtborn mit, daß seine Reise nach Herzogenbusch wegen seiner Schwachheit zwei Wochen gedauert habe. Trotz herabgesetzter Leistungsfähigkeit erledigte Walrad immer noch ein erstaunliches Arbeitspensum. Er stand nicht nur als Heerführer immer im Brennpunkt der Ereignisse, sondern mußte seit 1690 auch den Aufgaben als wirklicher Senior des nassauischen Familienverbandes gerecht werden. Anders als noch vor zwanzig Jahren herrschte jetzt keine Einigkeit mehr. Damals hielt man zusammen und erreichte die Rückgabe von Saarwerden. Jetzt drängte Georg August von Nassau-Idstein auf Aufarbeitung einiger offener Fragen aus dem Gothaischen Vergleich von 1651, denen die anderen Häuser sofort Gegenrechnungen entgegenstellten. Hinzu kam der bizarre Anspruch der beiden gefürsteten Häuser auf gewisse Vorrechte bei den Hauskonferenzen, wofür die drei anderen Teilnehmer nur mit ironischen Bemerkungen und Sticheleien antworteten. Vor diesem Hintergrund dürfte die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Leiters des Nassauischen Familienarchivs in Ottweiler, Persius, mit Walrad nicht nur eine ärgerliche Randerscheinung gewesen sein.

Ganz nebenher regierte Walrad, bis in die kleinsten Einzelheiten vordringend, sein Usinger Land. Wie weit seine Fürsorge ging, belegt wieder seine dienstliche Korrespondenz. Bald kümmerte er sich um den Versand von Porzellan aus Frankfurt nach Usingen, bald um die Bestrafung einiger seiner Untertanen für gotteslästerliches Fluchen oder um die Überlassung eines alten, gesprungenen Ofens aus der Cantzley an einen Usinger Bürger.

Eine Schreckensnachricht erreichte Walrad Ende April 1692. Seine Residentstadt war am 23. April 1692 durch ein Großfeuer zu etwa zwei Drittel zerstört worden. Sein erster Brief , in dem er sich dazu äußerte, kam aus Herzogenbusch und enthielt gleich Anordnungen für den Wiederaufbau. Die Häuser dürften nicht mehr so irregulär stehen, sondern müssten in einer schnur und gleichheit vom Obertor herab auf beiden Seiten erbaut werden. Weitere Ideen waren Straßenverbreiterung und der Entwurf eines Musterhauses durch den maler Küntzel. Dieser schickte Walrad bald ein Modell der neu aufzubauenden Oberstadt, das er aber in überarbeiteter Form im September 1692 noch einmal vorstellte. Die Sorge um den Usinger Wiederaufbau veranlaßte Walrad sogar während der campagne im Juni 1692 zu drei eigenhändigen Schreiben. Zu den Geschädigten gehörte auch Walrads Kanzler Melchior Vigelius, einst nassauischer Agent in Wien, dessen Haus am Obertor mitsamt einer wertvollen Bibliothek und dem Manuskript zu einer wissenschaftlichen Arbeit über ein juristisches Thema verbrannte.

Im Jahre 1696 steht Walrad wieder an der Front. Als Oberkommandierender sämtlicher niederländischer Truppen trägt er Verantwortung für 95.440 Mann und die ganze Artillerie. Gleichzeitig wurde ihm der Posten des Gouverneurs von Nimwegen übertragen. König Ludwig XIV vermied aber größere Kämpfe und war 1697 zu Friedensgesprächen bereit. Diese fanden in Riijswijk, einem Dorfe bei Den Haag, statt. Walrad nahm die Gelegenheit wahr, zahlreiche nassauische Gebiete links des Rheins, die sich Ludwig XIV. angeeignet hatte, zurückzufordern. Dafür verfaßte er eine Denkschrift und entsandte den nassauischen Rat Savigny (den Urgroßvater des berühmten Rechtsgelehrten) zu den Verhandlungen. Walrads Wünschen wurde in den Artikeln XV und XXX des Friedensvertrages zum größten Teil entsprochen.

Walrad kehrte wieder nach Usingen zurück. Hier trieb er den Bau der neuen Schule voran. Sie lag gegenüber dem Junkernhof und wurde 1699 fertiggestellt (heute Wilhelmjstraße 6). Walrad gewährte einen Zuschuß von 2000 fl. Wie das Untertanenverzeichnis von 1697 zeigt, waren die Auswirkungen des Stadtbrandes noch nicht überwunden. Man zählte nur 79 Bürger, von denen 32 wegen Armut keine Steuer zahlten. Zur Steigerung der Wirtschaftskraft veranlaßte Walrad daher die Anlage der Neustadt und bot reformierten Glaubensflüchtlingen eine neue Heimat. 1697 wurden die Flurstücke um den „Alten Marktplatz“ (Hunzgraben, Schießmauer, Kleuber und Pfaffenwiese) bei der Steuerfestlegung außer Schatzung gelassen, „weil zur neuen Stadt gezogen“. Baumeister Küntzel begann mit der Einebnung und Vermessung des Geländes. Mit dem überflüssigen Gestein füllte man die Barbach auf. Die Neutorstraße wurde angelegt und damit der alte Stockheimer Weg, der unten her ging, überflüssig gemacht. Bereits am 20. April 1700 begann laut ehemaliger Balkeninschrift Johannes Walder rechts von der Hugenottenkirche den Bau seines Hauses. Der Grundstein für die sog. Hugenottenkirche wurde am 9. August 1700 gelegt. Rings um die Kirche befand sich der reformierte Kirchhof. Die Neubürger brachten besonders die Tuch- und Strumpfweberei in Aufschwung. Der ihre Privilegien sichernde Freiheitsbrief datiert vom 6. März 1702.

Auch in Hasselborn ließen sich fremde Reformierte nieder. Als sich im Sommer 1701 in Usingen auch eine Gruppe von Pietisten einfand, unterband Walrad deren Ansiedlung unter Berufung auf den Friedensschluß von 1648. Er fürchtete die Entstehung von Secten und daraus folgenden Aufruhr.

 

Walrads Tod

Auf der europäischen Bühne kam es 1700 zum spanischen Erbfolgekrieg. Joseph Clemens, der Kurfürst von Köln und Bischof von Lüttich, hatte die Stationierung französischer Truppen in seinem Gebiet zugelassen. 1702 übertrug der Kaiser Walrad den Oberbefehl unserer alliierten Truppen. Walrads Aufgabe war es, die von Franzosen besetzten festen Plätze zu erobern. In die Planungen bezog er schon seinen achtzehnjährigen Sohn Wilhelm Heinrich im Range eines Oberst ein. Nach langer und verlustreicher Belagerung fiel am 15. Juni 1702 Kaiserwerth bei Düsseldorf. Der in der Nähe weilende Kurfürst von der Pfalz richtete eine große Siegesfeier aus, und Kaiser Leopold sandte ein huldvolles Dankschreiben.

Dennoch musste Walrad in den folgenden Tagen eine Zurücksetzung hinnehmen. Da Wilhelm von Oranien am 19. März 1702 nach einem Unfall gestorben war, hatte sich das politische Umfeld geändert und Walrad musste den Oberbefehl an den Engländer Lord Marlborough abgeben. Sein neues Kommando lag an der Maas, wo er der Reihe nach Venlo, Fort Michael und schließlich am 6. Oktober 1702 Roermond eroberte. Damit hatte er die Maas von Grave bis Maastrich befreit. Wieder kann man nur staunen, wie umsichtig Walrad neben seinen militärischen Aufgaben auch seinen anderen Pflichten nachkam. Im Successionsstreit um Moers verfasste er am 5. Mai 1702 aus dem Lager vor Kaiserwerth eine umfangreiche Denkschrift für den Kaiserhof. Am 14. Juni 1702 erließ er ein Dekret für die Usinger Geistlichen, denn ihm war zu Ohren gekommen, daß sie von der Kanzel allerhand Schmäh- und Schimpfwörter gebrauchten. Der Prediger müsse aber die Irrenden durch Sanftmut und gründliche Lehren wieder auf den rechten Weg bringen, so Walrads Mahnung. Gegen den Hammerschmied in Emmershausen verfügte er am 28. Juni 1702 den Einzug des Vermögens, da er Eisen entwendet hatte. Am 18. September 1702 bittet Walrad seine Usinger Regierungskanzlei um Vorschläge für die Versorgung der Witwe des Peter Hermann aus Rod, der beim Sturm auf die Zidadelle von Landau gefallen war.

Die Strapazen der Feldzüge zwangen den Siebenundsechzigjährigen jedoch schon im Oktober 1702 aufs Krankenlager. Es meldeten sich erneut seine schwachheiten, von denen in der Korrespondenz der letzten zehn Jahre immer wieder die Rede war. Einige seiner Briefe aus dem Jahre 1690 enthielten Erfahrungsberichte mit den unterschiedlichsten Arzneien.  Eine Kur im selben Jahr in Wiesbaden scheint nur begrenzten Erfolg gehabt zu haben, denn im Herbst hatte er wieder starke Gichtanfälle, die ihn vorübergehend sogar daran hinderten, seinem Heere zu folgen. Jetzt, 1702, machte er sich über seinen Zustand keine Illusionen. In einem am 16. Oktober 1702 abgefaßten Schreiben empfahl er seine Familie der Großmut der Generalstaaten und verschied am darauffolgenden Tag.

Walrads Leiche wurde in Roermond einbalsamiert und am 22. Oktober 1702 in Moers mit großem militärischen Gepränge in der Kirch beigesetzt. Sein Herz blieb in einer silbernen Kapsel in der reformierten Kirche zu Roermond. Diese Kirche wurde 1821 abgebrochen, ohne daß etwas über das Andenken Walrads bekannt wurde.

Walrads Leben war geprägt von vorbildlicher Pflichterfüllung. Sein kleines Fürstentum war ihm ans Herz gewachsen. Er hinterließ es so, daß sein Sohn  auch ohne auswärtige Nebeneinkünfte regieren konnte. Als Soldat war Walrad an 17 großen Feldschlachten und 27 Belagerungen beteiligt und hat dabei höchste militärische Stellungen erreicht. Das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint. Sicherlich hat ihm dann der trotzige Wahlspruch der Nassauer Halt gegeben: „Je maintiendrai“. Walrad ging dabei immer den geraden Weg und war stets um „die sittliche Bewältigung seiner Existenz“ bemüht. Ein schöneres Zeugnis kann einem Menschen kaum ausgestellt werden. Walrad hat es daher verdient, im Gedächtnis seiner ehemaligen Residenzstadt einen festen Platz einzunehmen.

 

Literatur:

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    Ungedruckte Quellen

    aus dem Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HStAW):
    Herzoglich-Nassauisches Hausarchiv: HStAW, 130 II, 2098
    Herrschaft Usingen: HStAW 135 IX 195; HStAW 135 IX, Karton 195 (DIENSTTAGEBUCH der fürstlichen Kanzlei zu Usingen 1662-1664, Kopie in Bibliothek des Geschichtsvereins Usingen, Nr. 380);
    HStAW 135, 5632

    aus dem Staatsarchiv Marburg:

    StAMa 4 f, 47